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Foto: Beat Presser

Silvo Lahtela

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Auf der Suche nach der verlorenen Gestalt

Ekaterina Quehl, „Autonomo" 2026 • Deutschland • Öl auf Leinwand 65 x 54 cm
Warum Malerei auch heute, im Zeitalter von KI-generierten Bildern und visuell-digitaler Dauerreizung, eine unverzichtbare Kunst ist.
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Die Power der Regeneration

 

     Tatsächlich im Sekundentakt liefert die Online-Welt inzwischen über alles und jeden Bilder, Filme, Informationen, Kommentare. Wer heutzutage und unvermeidbar im medialen Meer unterwegs ist, egal ob auf einem ideologischen Flugzeugträger oder völlig auf sich gestellt in einer privaten Nußschale, ist mit der Tatsache konfrontiert, daß es zumindest auf den ersten Blick kaum noch ein Ufer oder einen Hafen gibt, wo die Psyche gleichsam zur Besinnung kommen kann. Das heißt, die Möglichkeit hat, Informationen nicht nur zu konsumieren, was in der Gegenwart kinderleicht ist, sondern diese auch wirklich zu verarbeiten. Was eine wirkliche Herausforderung darstellt.     

     Ähnlich wie beim Muskelaufbau, der nicht während des Trainings stattfindet, sondern in der Regenerationsphase – für Sportwissenschaftler ein sehr alter Hut –, braucht auch die Entwicklung des Bewußtseins Ruhepausen von ständig neu anbrandenden Reizen, um das wirkliche Potential an psychischer und geistiger Vitalität auszuschöpfen. Auch das ist nichts Neues, die Meditation beispielsweise im Zen-Buddhismus oder der klassische Spaziergang im Park oder Wald hat genau diese heilende psychische Entkopplung aus dem Hamsterrad des Alltags im Sinn.

 

Die Botschaft des Mediums

 

     Aber es gibt auch eine besonders im Abendland geschätzte und extrem verfeinerte künstlerische Tradition, die schon auf den allerersten Blick nicht von Augenblick zu Augenblick hetzt: Es ist die Malerei. Im Unterschied zum Film, der technisch aus sehr schnell bewegten, für das Auge nicht wahrnehmbaren einzelnen Bildern besteht oder der Musik, dem Theater oder dem Roman, wo Töne, Dramen, Geschichten sich im Laufe der Zeit entfalten, und Verweilen auf einer Stelle kaum zulassen, kommt der Fluß der Zeit bei der Malerei tatsächlich sichtbar zum Stillstand. Das traditionelle Bild bewegt sich nicht, ruht in sich selbst, völlig unabhängig von der Darstellung oder dem Dargestellten.

     Tatsächlich transportiert das Bild schon allein als Medium eine Botschaft, zwar nicht die ganze, aber doch eine sehr wichtige: um mit ihm überhaupt in Kontakt treten zu können, muß die Aufmerksamkeit zumindest für einen Augenblick vollständig auf das Bild fokussiert sein. Man kann ein Bild nicht nebenbei „konsumieren“, weil es ohne zumindest temporäre Versenkung der Wahrnehmung überhaupt nicht im Bewußtsein als Realität erscheinen würde. Es wäre dann irgendein bedeutungsloser Farbfleck an der Wand und vermutlich nicht einmal das.

 

„Sehen, was man sieht“

 

     Das ist nicht banal, weil es bedeutet, daß Malerei tatsächlich die Kunst ist, die sich am stärksten dem Mindset der allgegenwärtigen Zerstreuung entzieht, da sie eben die Konzentration auf das einzelne Bild praktisch als Bedingung voraussetzt. Nur im fokussierten Vollkontakt von Angesicht zu Angesicht ist die Wahrnehmung des Bildes überhaupt möglich. Man kann zwar selbstverständlich auch durch eine Ausstellung oder durch ein Museum eilen und alle Bilder nur eines flüchtigen Blickes würdigen. Aber dann, ohne echten Kontakt auf Augenhöhe sozusagen, könnte man es im Grunde genauso gut sein lassen. Es gibt ein berühmtes Zitat von Le Corbusier, dem Architekten: „Man muss immer sagen, was man sieht, vor allem muss man immer – und das ist weitaus schwieriger – sehen, was man sieht.“ Zwar in einem andren Zusammenhang gesagt, aber ohne dieses: „Sehen, was man sieht“, echten Fokus also, findet Malerei für den Betrachter eines Bildes nicht statt.

 

Die gegenständliche Falle

 

     Ein anderer, möglicherweise noch weiter verbreiteter Grund, der die Wahrnehmung eines Bildes extrem trübt, ist die gegenständliche Falle. Angenommen, ein Bild stellt eine Frau dar, die am Strand mit einem aufgeklappten Laptop sitzt – wie das Beitragsbild dieses Blogs – , dann gibt es viele Leute, die dieses Motiv wie ein dokumentarisches Foto beurteilen: Aha, eine Frau am Strand, interessiert mich oder auch nicht. Und dabei übersehen, daß der naturalistisch spiegelnde Aspekt, also das fotografische Element, eigentlich das Uninteressanteste an der Malerei ist. Denn es steht nur für einen bestimmten, oft neurotisch überhöhten Grad an Detailtreue, der aber nichts mit der wirklichen Gestalt des Dargestellten zu tun haben muß. Das Gegenteil ist sogar oft der Fall. Beispielsweise kann man eine Pianistin bei einem Konzert so darstellen, daß alle Schattierungen der elfenbeinfarbenen Tasten auf dem Flügel naturalistisch, im Scheinwerferlicht der Bühne glänzend, präsent sind, aber man könnte genauso gut ein Bild malen, wo das Instrument nur aus ein paar Strichen besteht und es trotzdem viel mehr der Musik und der Musikerin gerecht werden würde als aller naturalistische Krampf.

 

Fotografie als Spezialfall der Malerei

 

     Fotografie ist so gesehen keineswegs eine Höherentwicklung der Malerei, sondern eher ein Spezialfall von ihr, bei dem extreme Detailtreue, die jedes Foto aufgrund der Technik automatisch liefert, den oft fehlenden Blick für das Wesentliche ersetzt. Natürlich gibt es auch Fotos, wo die wahre Gestalt, eines Menschen zum Beispiel, tatsächlich aufscheint. Aber Fotografen mit diesem Blick sind extrem selten, die allermeisten Smartphone Selfies sind im Malereisinne gleichsam nur recht belangloses Gekritzel.

 

Kirschbäume und Tiger

 

     Um zur Gestalt zu kommen, von der ich hier immer so schreibe als sei völlig klar, was sie bedeute. Was natürlich eine Unterstellung ist. Ohne jetzt zu philosophisch zu werden, Gestalt gebrauche ich hier als das Wesentliche einer Erscheinung. Also beispielsweise: Zur Gestalt eines Kirschbaums gehört durchaus die bestäubende Biene, aber nicht unbedingt die Kirsch-Werbung des Supermarktes, der diese Kirschen billig verkauft. Über diese Gewichtung kann man sich zwar auch streiten, aber der Punkt ist: Das Weltbild der Gestalt impliziert auf jeden Fall die Unterscheidung in Wesentliches und Unwesentliches, was auch immer das dann konkret sein mag.

      Eine Unterscheidung allerdings, die dem gegenwärtigen Zeitgeist ziemlich widerspricht, da heutzutage das subjektive Gefühl, eine mehr oder weniger völlig beliebige  egozentrische Perspektive auf die Welt, eine Art medialer Heiligsprechung erfahren und  die Wahrnehmung der wirklichen Gestalt ersetzt hat.

      Ein aktuelles Beispiel dieser narzißtischen Neurose hat sich gerade als Tragödie im Yorkshire Wildlife Park in England zugetragen:  Ein junger Mann sprang dort ins Raubtiergehege, weil er vermutlich coole Selfies machen wollte und wurde dann vom Tiger mit Bissen in den Nacken und Rücken geradezu beiläufig getötet. Die wahre Gestalt nicht wahrzunehmen  – daß also ein Tiger ein gefährliches Raubtier ist und kein großes Kuschelkätzchen –ist keineswegs nur eine philosophische Frage, sondern kann eine von Leben und Tod sein.

 

Ohne Sinn für Gestalt keine Malerei

 

     Jedenfalls, nimmt man das Element der Gestalt aus der Malerei heraus, verliert sie tatsächlich ihre besondere und recht einzigartige Bedeutung. Für naturgetreue Abbildungen eignet sich jedes Smartphone besser und wer sein Zuhause dekorativ aufpeppen möchte, kann im Prinzip alles an die Wand hängen, was motivisch oder farblich Gefallen findet. Mit Malerei hat das alles nichts zu tun.

     Der fehlende Sinn für Gestalt hat nun nicht nur mit den konditionierten Scheuklappen des Publikums zu tun, sondern findet sich als Zeiterscheinung des Bewußtseins logischerweise ebenso auf der kreativen Seite, also bei den Künstlern selbst. Wenn ein Bild ohne authentische Gestalt ist, nur mit visuellen Reizen oder als Kopie vergangener Zeiten daherkommt, kann man so konzentriert und lange drauf schauen, wie man möchte und es wird trotzdem kein Funke außer letztlich Langeweile überspringen.

     Was mich an eine Anekdote über Dalí erinnert, der beim Besuch einer Ausstellung die Qualität der verlegten Heizungsrohre oder der gut verputzten Wände lobte und die Bilder selbst mit einem geringschätzigen Achselzucken abtat. Trashtalk gegenüber Künstlerkollegen war natürlich schon immer sehr beliebt, und dürfte es auch bleiben, aber fehlende Gestalt macht diesen natürlich umso einfacher.

 

Die Aura der Konzentration

 

     Aber es gibt eben auch hoffnungsvolle Beispiele. Womit ich wieder zum Beitragsbild dieses Blogs komme, „Autonomo“, Öl auf Leinwand, von Ekaterina Quehl. Tatsächlich hätte ich diesen Blog ohne dieses Bild nie geschrieben, weil mir jede aktuelle Inspiration für einen Text über Malerei gefehlt hätte. Das Besondere an diesem Bild für mich ist – also das recht einfache Motiv einer Frau am sonnigen Meeresstrand mit Laptop, aber mit einer Aura von Konzentration und Verschmelzung mit der Umgebung – , daß ich genau diese Aura, diese Gestalt mit eigenen Augen und völlig unabhängig von dem Bild Monate vorher selbst wahrgenommen hatte. Ich saß am Ostseestrand von Zingst und beobachtete eine junge Frau, die sich bei leichtem Nieselregen mit hochgezogener Kapuze an den Fuß der Dünen oberhalb des Strandes setzte, ein Buch aufschlug und tatsächlich in aller Seelenruhe zu lesen begann. Daß ein Teenager sich im Nieselregen am windigen Meer an den Strand setzte und las, war für mich als Autor ein inspirierender Wink des Schicksals, daß die Literatur keineswegs tot ist und es sich wirklich lohnt, weiterzumachen.

 

„Autonomo“

 

     Das Bild „Autonomo“ nun dürfte eher am Mittelmeer lokalisiert sein und statt ein Buch präsentiert es einen aufgeklappten Laptop. Nicht zu vergessen die mutmaßliche Apple Watch am Handgelenk, die klarmacht, daß wir uns schon weit im Beginn des 21. Jahrhunderts befinden. Und es mit einer Person zu tun haben dürften, die den digitalen Ablenkungen unserer Zeit extrem ausgesetzt ist. Aber die Gestalt der Konzentration im Bild ist für mich extrem ähnlich zu der Situation an der Ostsee. Oder anders gesagt, das Betrachten des Bildes löst jetzt die erlebte Szene an der Ostsee in meiner Vorstellung aus. Was heißt das? Es heißt, daß echte Gestalt, wie zum Beispiel Fokus, aber im Einklang mit der Natur, Raum und Zeit mit Leichtigkeit transzendiert und überall dort Wahlverwandtschaften vernetzend erzeugt, wo eine ähnliche Gestalt aufscheint.

 

Picassos immer noch aktuelle Botschaft: Gestalt

 

     Diese Qualität eines Bildes, nämlich Gestalt zu spiegeln oder sogar zu erzeugen, hat nur bedingt was mit der Malweise, mit Techniken und Materialien zu tun. Was ein bißchen der Irrtum von Kunstkritikern und akademisch geprägten Künstlern ist, die das Formale tendenziell überbewerten. Und vermutlich niemals verstehen werden, was Picasso meinte, als er mit achtzig Jahren, als er immer mehr Bilder malte, die an Kinderzeichnungen gemahnten, sagte: daß er nun endlich verstehen würde, was Malerei wirklich sei. Das genaue Zitat mag anders sein, der Sinn aber nicht.

     Womit diese Qualität der Gestalt in der Malerei und überhaupt in allen Künsten allerdings etwas zu tun hat, ist ein unbefangener und wahrhaftiger Blick auf die Welt. Und dafür steht in meinen Augen auf eine malerisch sehr unprätentiöse, aber dennoch zeitgemäße Weise das Bild „Autonomo“ von Ekaterina Quehl. Und hat mir wieder bewußt gemacht, daß Malerei auch heute, im Zeitalter von KI-generierten Bildern und hysterischem Scrollen auf dem Smartphone, von einem visuellen Reiz zum nächsten, keineswegs eine veraltete Kunst sein muß, – im Gegenteil.

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