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Silvo Lahtela

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„Be Water, My Friend“

Bruce und Shannon Lees Bücher, – sprachliche Liebe auf den ersten Blick.

Vager Erstkontakt mit Bruce Lee

 

     Manche Liebe auf den ersten Blick braucht den zweiten Blick, um in Gang zu kommen. Weil der Erste noch von Vorurteilen und Unwissen getrübt ist. Dann aber, wenn die Wahrnehmung plötzlich aufklart, geht es Schlag auf Schlag. So war es für mich mit Bruce Lee, den ich zwar wie viele vage aus Filmschnipseln und Bildern „vom Sehen“ kannte – als dominanten Kung Fu Superstar, der in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts weltweit die Kinosäle füllte –, der aber jenseits von offensichtlicher Meisterschaft in Kampfkunst keinen prägenden Eindruck bei mir hinterlassen hatte.

 

Verschlungene Umwege

 

     Daß ich ihn überhaupt als seriösen Autor wahrnahm, beruhte auf eine paar seltsam ineinander greifenden Begebenheiten, ohne die ich möglicherweise niemals eine Zeile von ihm gelesen hätte. Zunächst schwärmte mein ehemaliger Schwimmtrainer, als ich ihn zufällig wieder mal im Pool traf, von Kettlebells. Eisenkugeln mit Griffen, die im Unterschied zu Hanteln und Geräten in Fitnessstudios nicht nur isolierte Muskelgruppen trainieren, sondern aufgrund ihrer ballistischen Natur tendenziell den ganzen Körper. Da ich gerne Neues ausprobiere, holte ich mir also welche und schaute mir dann zahllose Kettlebell-Videos auf  Youtube an.

 

Das Interesse erwacht

 

     Bei einem Kanal blieb ich länger hängen, da die Tutorials, Interviews und Workouts mit Herzblut und Charme daherkamen. Zum Beispiel hier. In einem der vielen Video-Beiträge erwähnte der Coach beiläufig, daß er drei Bücher von Bruce Lee habe und daß sie etwas Besonderes seien. Er zitierte eine Stelle aus dem Gedächtnis und gerade, weil er sich dabei etwas verhedderte, der Inhalt also offenbar keine totale Plattheit war, wurde mein Interesse geweckt. Das Zitat war tatsächlich tricky und ging ungefähr so, ich zitiere jetzt fairerweise auch aus dem Gedächtnis, sinngemäß und nicht wortwörtlich: „Ich weiß, daß ich nicht Nummer zwei bin, aber mir ist bewußt, daß es keine Nummer eins geben kann“.
(Das Original Zitat lautet: „I have the absolute confidence not to be number two, but then I have enough sense to realize, that there can be no number one“)
     Wenn Worte einen paradoxen Horizont öffnen, ist dies meist Ausdruck eines wachen und lebendigen Geistes. Ich war sprachlich jedenfalls sofort angefixt, was bei mir nur alle Jubeljahre vorkommt und bestellte mir sein Buch „Striking Thoughts“.

 

Sprachliche Liebe auf den ersten Blick

 

      Als ich dann das erste Mal darin las, war sie plötzlich da, die sprachliche Liebe auf den ersten Blick. Die man genauso wenig erklären kann, wie wenn es zwischen zwei Menschen so richtig funkt, aber das beschreibbare Gefühl ist ganz ähnlich: Ich verspürte sofort eine tiefe Faszination und innere Nähe zu seinen Worten. Natürlich ein subjektiver Vorgang, aber insofern auch wieder nicht, da ich auf objektive, realisierte geistige Energie reagierte. Einer der emotionalen Triggersätze für mich war zum Beispiel: „No matter what, you must let your inner light guide you out of the darkness.“ Das klingt zunächst vielleicht nach nichts Besonderem, nach Spiritualität to go, aber solche Sätze kann nur jemand raushauen, der erlebt hat, wovon er spricht. Speziell dieses „Egal, was passiert“ („No matter what“) hat eine psychische Schubkraft, die Sonntagsreden oder Copy-and-paste Lebensweisheiten nicht besitzen.

 

Natürlichkeit und Power

 

     Sicher spielte es auch eine positive Rolle, daß ich sein Buch am Schlachtensee las. Schaute ich vom Text hoch, schwappten kleine Wellen an das Ufer, wo ich saß. Das war ein seltsam magischer Moment, das Wasser und seine Sprache schienen wahlverwandt in ihrer Natürlichkeit zu sein. Was ein weiterer Punkt war, der mich sofort ansprach: Seine Sätze hatten trotz komplexer Inhalte eine lebendige Einfachheit, die ebenfalls sehr selten und vor allem unmöglich zu faken ist. Das ist ähnlich wie tiefes Wasser: Man kann es beim besten Willen nicht in der Badewanne simulieren.

 

Das Buch der Tochter Shannon Lee

 

     Weil ich nun zu meiner eigenen Überraschung so positiv berührt von seiner Sprache war, bestellte ich als Nächstes das Buch seiner Tochter Shannon über ihn: Be Water, My Friend“. Dieses Buch hat zwei Besonderheiten, die jede für sich allein Grund genug wären, es zu lesen. Zunächst einmal belebt die Tochter die Aphorismen des Vaters mit konkreten Storys und Fakten aus seinem und ihren Leben und man bekommt ein realistisches und deswegen interessantes Bild davon, was es bedeutet, konsequent den eigenen Weg zu gehen.
     Und zum anderen, und das ist wirklich zu Herzen gehend, schreibt Shannon, obwohl sie ihren Vater schon im Alter von vier Jahren verloren hat, aus der Perspektive einer liebenden und geliebten Tochter. Die emotionale Erinnerung an einen warmherzigen Bruce Lee ist in ihr noch lebendig und aus diesem Hintergrund heraus beschreibt sie seine geistige Welt, dargestellt an einzelnen Zitaten von ihm.

 

Vater und Tochter jenseits der Neurosen der Gegenwart

 

     Dies ist eine sehr spezielle Mischung: Eine Tochter, die ihren weltberühmten Vater nicht nur geistig assimiliert hat, sondern aus der emotionalen Sicherheit heraus, wirklich von ihm geliebt worden zu sein, ihren eigenen Weg gegangen und eben kein Klon ihres Vaters geworden ist. Natürlich hat nicht jeder einen solchen außergewöhnlichen Vater, aber eine derart von Respekt und Zuneigung getragene  (ob post mortem oder noch live) Beziehung zwischen Vater und Tochter oder Mutter und Sohn oder generell zwischen Eltern und Kindern scheint mir relativ selten in unserer zutiefst gestörten Gesellschaft. Und ist deswegen wirklich ein Hoffnungsschimmer am Horizont in diesen neurotischen Zeiten.

 

Wenn sich das Leben extrem verdüstert

 

     Die authentische Freiheit sowohl des Vaters aber eben auch der Tochter läßt sich exemplarisch im Kapitel „The Rainstorm“ ihres Buches darstellen. Wo es darum geht, was man tun kann, wenn eine echte existentielle Krise das Leben verdüstert. Um aus einer hoffnungslos anmutenden Situation herauszukommen, bezieht sie sich als Hilfe auf den bekannten achtfachen Pfad des Buddhismus (der viele spirituelle Ableger hat, etwa Ashtanga-Yoga) und aus spezifischen Geboten besteht, zum Beispiel: rechte Ansicht, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb und so weiter. Die alle die Perspektive haben, das menschliche Leiden zu beenden und psychische  Befreiung zu initiieren.

 

Freiheit in Aktion

 

     Das Besondere ist jetzt, daß sowohl Bruce Lee als auch seine Tochter diese acht Gebote, die oft floskelhaft heruntergebetet und als billige Weisheiten serviert werden, mit einer eigenen Interpretation füllen, ohne überhaupt Buddhisten zu sein. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Denn erstens sind sie sich des orientierenden Wertes dieser Tradition bewußt, aber zweitens sind sie keine Sklaven von Dogmen, sondern machen sich ein eigenes Bild. Respekt vor der Tradition, aber eben keine blinde Hörigkeit. Eine bewußtseinsmäßige Kombination, die nicht nur die Menschheit, sondern vor allem jeder Einzelne als Kompaß heutzutage dringend braucht.

 

„Du mußt klar sehen, was falsch ist.“

 

     Aus der ersten Bedingung des achtfachen Pfads des Buddhismus, „Rechte Ansicht“, wird also in Bruce Lees Interpretation Folgendes: „Du muß klar sehen, was falsch ist.“ Seine Tochter führt dies dann noch etwas weiter aus: „Erkenne und verstehe, was falsch ist. Sehe das Problem. Lasse deine Gefühle zu und identifiziere sie: Traurigkeit, Wut, Isoliertheit, Leiden. Schau, wo du geblockt bist oder wütend und verletzt. Versuche, die Ursache zu identifizieren.“

 

Alchemistische Mischung von Tradition und Moderne

 

     Ich gehe jetzt nicht alle acht Punkte durch, dafür ist ja dann das originale Buch da, aber das Entscheidende wird deutlich: Sie beziehen beide, Vater und Tochter, das Allgemeine auf das Besondere, sie wenden Spiritualität praktisch an, sie mischen Alltag mit Gott oder Tradition mit Moderne, sie bringen sich persönlich in uralte Texte ein, sie transzendieren die Wirklichkeit, ohne sie zu verlassen, Worte und Taten harmonieren miteinander, Geist und Leben spalten sich nicht voneinander ab. Nicht nur der reale Buddha hätte seine Freude an Vater und Tochter und diesem Buch gehabt, sondern auch alle geistig wachen Leute dürften sie heutzutage haben, wenn sie es denn lesen.

 

„Be Water, My Friend“

 

     Da Bruce Lee im ganz konkreten Sinn als Wegbereiter der heutigen Mixed Martial Arts (MMA)- Szene gilt, weil er als einer der ersten Kampfstile vorurteilsfrei gemischt hat, könnte man dazu verleitet sein, seine Bedeutung mehr oder weniger auf den Bereich des Kampfsports zu reduzieren. Was aber völlig daran vorbeigehen würde, daß seine wahre Erbschaft eine geistige Haltung ist: die nämlich, sich wie fließendes Wasser völlig frei von Vorstellungen und Konditionierungen zu machen und stattdessen intuitiv und sofort jede Form anzunehmen, die der reale Augenblick erfordert. „We live in clichès, in patterend behaviour. We are playing the same role over and over again. To raise our potential is TO LIVE AND REVIEW EVERY SECOND REFRESHED.“ Kampfkunst war zwar sein bevorzugtes Medium dafür, aber seine Botschaft, und da sprechen seine Texte eine deutliche Sprache, war die Übertragung dieser Haltung auf das Leben in all seinen Facetten.

 

„Choiceless Awareness“ – die offene Wahrnehmung

 

    Intuition mit geistiger Kontrolle zu mischen, mit Unbewußtem  das Bewußtsein zu füttern, bewußt das Unbewußte zu suchen, die Fülle des realen Augenblicks vorurteilsfrei jenseits der Beschränktheit des Bewußtseins zuzulassen, nicht aus der Angst, die Kontrolle zu verlieren, in psychischen Mustern zu erstarren, – in diesem Spannungsfeld sind nur wenige zuhause. Diese versuchte Integrierung des Unbewußten verbindet ihn übrigens direkt mit C. G. Jung. Was dieser „Individuation“ nennt, die Auseinandersetzung mit dem Unbewußten, heißt bei Bruce Lee „Selbst-Aktualisierung“. Es meint aber das gleiche: eine offene und angstlose Wahrnehmung dessen, was wirklich ist und gerade stattfindet. Mehr kann man von einem Autor und Menschen kaum verlangen. Und das Schöne ist, daß dieser freie und lebendige Geist von ihm auf seine Tochter übergesprungen ist, – und sowohl von ihm als auch von ihr dann weiter auf die Leser, Vergangenheit mit der Gegenwart und hoffentlich Zukunft verbindend.

 

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     Einen  kleinen Eindruck von Bruce Lees bewußtseinsmäßiger Energie gibt dieser kurze Interview-Clip.

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