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Silvo Lahtela

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Von Aversion zu Coolness

Mutter und Kind mit Masken
Nur der Blick in den Spiegel führt heil durch das Minenfeld der Meinungen.

„We are the great danger. The psyche is the great danger. What if something goes wrong with the psyche?“

C.G. Jung

 

     Dieses Zitat ist besonders ins Schwarze treffend, wenn man es nicht auf andere, sondern auf sich selbst anwendet. Erst dann versteht man den wirklichen Sinn. Denn normalerweise ist es ja so, daß man die Probleme der Welt vorzugsweise draußen verortet, aber äußerst unwillig – und spontan praktisch nie – direkt bei sich selbst sucht und dann meist auch etwas finden würde. Deswegen will ich als Vorsatz fürs neue Jahr mit gutem Beispiel vorangehen: Warum in die Ferne schweifen, nicht nur das Gute, auch das Negative ist so nah.

 

Das Wiederauftauchen der Masken

 

     Wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin oder im Supermarkt einkaufen gehe, fallen mir in letzter Zeit häufiger Leute auf, die wieder Maske tragen. Erstaunlich viele Jüngere – weil man ja Jugend nicht mit Ängstlichkeit assoziiert – und bei den reiferen Jahrgängen fällt auf, daß hochwertige Klamotten auf einen sozial etablierten Lifestyle hinweisen. Manchmal wird am Handgelenk noch eine Apple Watch Ultra sichtbar, in der Werbung speziell für Outdoor-Aktivitäten geframt, und so den unter der vorsichtigen Maske verborgenen, zumindest virtuellen Draufgänger signalisierend.
     Dann gibt es die Generation von den Rentnern an aufwärts, wo allerdings zunehmendes Alter mit zunehmender Ärmlichkeit der Kleidung einherzugehen scheint. Vermutlich ein Zeichen des sozialen Verfalls in Deutschland. Wie Flaschen aus dem Müll fischende Senioren. Eine Greisin, die mit zerschlissenem Wintermantel und ausgemergeltem bleichen Gesicht, niemanden anschauend, die Maske auch bei Nieselregen umgebunden, an der Ampel wartet, ist mit etwas Mitgefühl ein Bild tiefer Depression.

 

Die Aversion

 

     Der medizinische Nutzen oder Unsinn der Masken ist aber jetzt nicht das Thema, dazu ist von vielen Leuten schon genug Kluges gesagt worden, sondern es geht diesmal darum, wie eine Meinung – und im Prinzip völlig egal welche – plötzlich zu einer hochexplosiven emotionalen Angelegenheit wird. Denn genau das fiel mir an mir selbst vor einer Weile auf: Sah ich Maskenträger in der Öffentlichkeit, packte mich als spontane Reaktion eine tiefe Abscheu.
     Sicher, ich halte Masken für ungesund und für ein Symptom von Manipulation mit Angst und Panik, aber diese Ansicht, die ja zudem auch falsch sein könnte, stand in keinem Verhältnis zu meiner sofort einsetzenden Abneigung gegenüber den mir völlig unbekannten Personen, die mit dem Gesichtsschutz herumliefen. Auch weil mich die Masken wie eine Mischung aus Maulkorb und Kaffeefilter anmuteten, also eigentlich eine komische Seite hatten, schien mir meine hochschießende Aversion irgendwann sehr seltsam.

 

Der kritische Blick

 

     Und ich beschloß, mir diese Sache einmal genauer anzusehen. Vor allem auch, weil ich das Gefühl hatte, daß ein unpersönlicher psychischer Prozeß auf Autopilot ablief, der eigentlich überhaupt nichts speziell mit Masken zu tun hatte, in gewißer Weise auch nichts mit mir, sondern praktisch bei jedem Thema und bei jeder Person provoziert werden konnte.
    Um ein bißchen Struktur in meine improvisierte, aber reale Psychoanalyse hineinzubringen, definierte ich für mich meine Reaktion auf das Maskentragen als eine Art Meinungsäußerung. Ich unterteilte dann diesen Ausdruck einer subjektiven Ansicht grob in drei Kategorien.

 

Im Minenfeld der Meinungen

 

1) Neutrale Meinungen
     Zum Beispiel: Ob man Knoblauch beim Kochen reibt, schneidet, zerdrückt oder ob man es überhaupt benutzt; nur echte Psychopathen würden aus solchen Meinungen ein echtes Drama machen; das Konfliktpotential in sehr gering; sie sind psychisch neutral.

2) Konfliktträchtige Meinungen
     Zum Beispiel: Als ich vor vielen Jahren nachts als Taxifahrer unterwegs war und musikalisch nach Bach eine ausgeprägte Whitney Houston – Phase hatte, hörte ich manchmal auf meiner Playlist ihre Version des „Star-Spangled Banner“. Ich liebte natürlich ihre Stimme, aber inhaltlich auch die Schlußzeilen: Ob die Fahne noch wehen würde, über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen? „Over the land of the free and the home of the brave“. Regelmäßig reagierten Fahrgäste aus den Szenebezirken Prenzlauer Berg oder Friedrichshain unangenehm berührt, wenn sie erkannten, was nicht immer vorkam, daß sie gerade die amerikanische Nationalhymne hörten.

     Der „Star-Spangled Banner“ paßte nicht ins Weltbild – Freiheit und Tapferkeit scheinen im heutigen Berlin Aversionen auszulösen – und wurde deswegen trotz Whitney Houstons herzerwärmender Stimme abgelehnt. Es war aber grundsätzlich ein eher diffuses Unbehagen, eher aus der Vorstellung als aus eigener Erfahrung gespeist. Auf jeden Fall fand keine totale Identifikation mit der Ablehnung statt. So daß Kommunikation durchaus noch möglich war. Potentiell konfliktträchtige Meinungen sind vermutlich die häufigste Form.

3) Hochexplosive Meinungen
     Zum Beispiel: Wer bei dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel Angehörige oder Freunde verloren hat, wird den Slogan: „From the river to the sea, Palestine will be free“ nicht als sachlichen Diskussionsbeitrag sehen, sondern vermutlich als indirekten Mordaufruf deuten. Weil eben bei persönlicher Betroffenheit naturgemäß starke Emotionen die bewußtseinsmäßige Perspektive bestimmen. Hier kann es schnell richtig ungemütlich werden, weil die gesamte Psyche, nicht nur der rationale Teil, involviert ist. Friedliche Kommunikation bricht auf dieser Stufe oft völlig ab.

 

Die „Schärfegrad“ von Meinungen ist unabhängig vom Inhalt

 

     Wie man schnell sieht, sind alle drei Typen von Meinungen im Prinzip unabhängig vom Inhalt, sie sind bestimmt durch das Bewußtsein des Meinungsträgers. Wer also an Vampire glaubt, für den oder die wird der Schutz durch Knoblauch, ob zerschnitten oder als ganze Knolle, zu einer Frage von Leben oder Tod. Das ist wichtig zu verstehen. Gerade für Leute, die nicht an Vampire glauben. Wenn man den geistigen Horizont des anderen nicht berücksichtigt, redet man für immer aneinander vorbei.

 

Die resistente Aversion

 

     Bezogen auf meine Aversion auf Maskenträger war mir schnell klar, daß ich mich meinungsmäßig auf Stufe drei im hochexplosiven Bereich befand. Ich reagierte extrem emotional und mußte mich beispielsweise wirklich zwingen, die Schärfe aus meiner Wahrnehmung herauszunehmen, indem ich synkopisch zu meiner negativen Emotion versuchte zu denken: „Na gut, die haben einfach Angst, sind aber natürlich trotzdem ganz okay als Menschen“. Ich konnte diesen Gedanken aber denken, sooft ich wollte, meine erste Reaktion beim Anblick eines neuen Maskenträgers war trotzdem immer ein inneres, leicht angewidertes Zusammenzucken.

 

Denken als Placebo, Emotionen als Trigger

 

     Politisch „korrektes“ Denken allein reichte also nicht. Es war ein relativ wirkungsloses Placebo. Was mir aber erst klar wurde, als ich erkannte, daß es Emotionen waren, die meine Abneigung fütterten und nicht etwa meine möglicherweise superioren Erkenntnisse über die Maskenmaterie. Das ist keineswegs banal. Denn wenn ich zum Beispiel in aller Gelassenheit denke, daß sich Menschen mit medial erzeugter Angst leicht manipulieren lassen, und plötzlich ganz verrückte Sachen machen, dann ist das was völlig anderes, als wenn diese recht reale Hypothese mit Emotionen aufgeladen ist und ich stattdessen denke: ,Was für erbärmliche und unterwürfige Mitläufer!‘
     Als mir dieser Unterschied dämmerte, fragte ich mich also naturgemäß, was zum Teufel mich denn persönlich bei den Maskenträgern so aufwühlte? Und das war, nachdem ich die Fährte bei mir selbst aufgenommen hatte, recht einfach zu beantworten.

 

Der notwendige Blick nach Innen

 

     Ein kleiner Zeitsprung zurück in die Zeit der öffentlichen Maskenpflicht. Ich erinnerte mich an einen alten Mann, der mich in der vollen U-Bahn beim Aussteigen nicht vorbeilassen wollte, weil ich keine Maske trug und mich mit echtem Haß in den Augen wüst beschimpfte. Ich erinnerte mich an eine Verkäuferin im Teeladen, die beim Abkassieren schnippisch meinte, weil ich meine Maske nur über den Mund und nicht die Nase gezogen hatte, ob ich auch meinen „Johannes“ in der Öffentlichkeit zeigen würde. Oder ein junger Mann mit Laptop auf den Knien in der S-Bahn, der mich gestelzt höflich ansprach, ob ich bitte meine Maske richtig aufsetzen würde. Und als ich es nicht tat, sich dann wütend woanders hinsetzte. Oder in der ungefilterten selbstherrlichen Aggression am einprägsamsten, als ein Mann durch das ganze Abteil der S-Bahn hinweg zu mir am anderen Ende schrie: „Maske auf!“

 

Die toleranten Masken fielen

 

    All diesen und weiteren Erlebnissen war gemeinsam, daß völlig normale Leute plötzlich die persönliche Sau rausließen, weil damals temporär gedeckt durch die offizielle Politik, und ihre Aggressionen und kleinen Machtspielchen auf Leute richteten, die wie ich offenbar nicht mit dem Strom schwammen. Obwohl sie eine Maske aufhatten, war die psychische Maske des toleranten Zeitgenossen sozusagen abgefallen. Wer sich der damals herrschenden kollektiven Meinung widersetzte, konnte relativ risikolos angepöbelt werden. Der früher gerne salbungsvoll zitierte Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, Artikel 1, Absatz 1, Grundgesetz, erwies sich im Ernstfall als typischer Papiertiger. 

     Mir schien, daß nur ein paar gesellschaftliche Umdrehungen weiter aus solchen aggressiven Worten aggressive Taten werden könnten. Es war die Summe solcher im Alltag gemachten negativen Erfahrungen mit Maskengläubigen, die sich jetzt, noch zwei, drei Jahre später, in einer spontanen Abneigung gegenüber Leuten manifestierte, die ohne sozialen Zwang aus Überzeugung wieder Masken trugen. Und wie gesagt, es geht hier nicht um den medizinischen Nutzen oder Unsinn dieser sogenannten Maßnahme gegen eine durch einen Virus übertragene Atemwegserkrankung. Es geht allein darum, wie eine Meinung durch meist unbewußte Emotionen hochreaktiv aufgeladen wird.

 

Bewußtmachung persönlicher Verstrickung als Befreiung

 

     Als mir aber nun klar wurde, daß meine Aversion eben nicht deswegen existierte, weil ich anderer Ansicht war, sondern weil ich persönlich negative Erfahrungen mit den Befürwortern der Maskenfraktion gemacht hatte – die im Unbewußten wohl eine Schneise von zerstörtem sozialen Vertrauen in meine Mitmenschen hinterlassen hat –, zerplatzte meine spontane Abneigung tatsächlich und erstaunlicherweise wie eine Seifenblase.

     Denn offenbar ist es so, daß Emotionen, wenn man sie im Spiegel des Bewußtseins wahrnimmt, sofort ihre überwältigende Macht über einen verlieren. Reflektierte negative Emotionen können die Psyche nicht mehr kidnappen. Sie sind zwar noch vorhanden – ich empfinde es immer noch als grob übergriffig, Leuten vorzuschreiben, wie sie auf Erkältungsviren zu reagieren haben –, aber weil ich mein Empfinden artikulieren kann, tangiert es meine Meinung deutlich weniger. Ich bleibe also cool.

 

Mitgefühl

 

     Im anfangs vorgestellten Modell ist meine Reaktion auf Maskenträger (als Verkörperungen der Meinung: „Masken schützen“ ) von „hochexplosiv“ auf „potentiell konfliktträchtig“ heruntergerutscht. Mit zunehmender Tendenz zu: „neutral“. Denn letztlich, wenn man sich wirklich in Menschen hineinversetzt und nicht nur über sie redet, versteht man fast immer, warum sie tun, was sie tun. Das muß man dann natürlich nicht gutheißen, keineswegs. Aber blinde Wut, Haß, Ekel verschwinden wie von Zauberhand.

 

„It’s the psyche, stupid!“

 

     Und allein dieser befreiende Wegfall von Aversion lohnt den Blick auf die fast immer unbewußten Emotionen bei jeder Art von eigener Meinung. Insbesondere dann, wenn die eigenen Ansichten egal zu welchem Thema von unterschwelliger oder direkter Aggressivität begleitet sind. Dann weiß man – sei es Maske oder keine Maske, sei es Weltuntergang durch Klimawandel oder kein Weltuntergang durch Wetterwechsel, sei das Geschlecht biologisch oder durch Imagination bestimmt, sei es inhaltlich was auch immer – , daß es höchste Zeit ist, den Blick von Außen nach Innen zu richten.
     Psychoanalyse, Meditation und viele andere Methoden können dabei zwar helfen, aber eigentlich könnte man auch sofort ohne äußere Hilfe loslegen. Ohne Krankenkassen oder Therapeuten oder Gurus. Denn der Blick nach Innen braucht nicht viel an Equipment oder Manpower. Nur ein bißchen Abstand zu sich selbst, ein wenig Mut und genaues Hinschauen, was einen wirklich aufwühlt, reichen aus. Das geht nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in ein paar Minuten. Und dann cool bleiben, wenn die eigenen Dämonen aus ihren Löchern kriechen. Das ist etwas schwieriger, weil vermutlich ungewohnt. Aber immer, auch nach anfänglichem Scheitern,  einen neuen Versuch wert. Und vielleicht wird auch irgendwann der Präsident oder die Präsidentin  einer Weltmacht mit diesem Zitat an die Öffentlichkeit treten: „It’s the psyche, stupid!“

 

Mythos trifft Realität, Grüße von Shiva

 

     Man befindet sich in jedem Fall auch mythologisch in illustrer Gesellschaft, wenn man sich  Meinungen nicht mehr mit Haut und Haar ausliefert.  Shiva, der Gott der Schöpfung und Zerstörung, wird oft mit blauer Kehle dargestellt, weil er schützend das Gift der Welt aufgenommen, aber eben nicht ganz geschluckt hat. So daß es in seiner blau angelaufenen Kehle bleibt, – er es aber jederzeit ausspucken kann, damit  es nicht tiefer in sein System gerät und ihn wirklich vergiften würde. Diese Haltung der Akzeptanz ohne Identifikation ist gerade auch bei Meinungen, fremden aber insbesondere bei eigenen, für die Psyche eine echte Befreiung von zwanghaften Konditionierungen. – Mehr guter Vorsatz fürs neue Jahr geht kaum.

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