Yoga auf dem Balkon
Die Zauberin Kirke warnte Odysseus vor den Sirenen, die Seefahrer mit ihrem suggestiven Gesang derart betörten, daß sie ihre Boote gegen die Klippen fahren ließen und dann als Schiffsbrüchige ertranken. Er ließ sich deshalb, als sie an der Insel der Sirenen vorbeisegelten, an den Mast festbinden, während die übrige Crew sich mit Bienenwachs die Ohren verstopfte. So überstanden sie die lebensgefährliche Passage unbeschadet.
An diese mythologische Fabel muß ich tatsächlich jetzt denken, und der Leser versteht bald warum – Hinweis: Smartphones –, während ich über eine kleine Begebenheit berichten möchte, die auf untypische Weise einen typischen Konflikt unserer Zeit spiegelt: Vor einer guten Woche machte ich wie immer seit einer Weile Yoga morgens auf dem Balkon. Die Sonne war gerade aufgegangen, anders als an den meisten anderen Tagen regnete es und am Horizont zogen Gewitterwolken auf. Was mich aber nicht groß kümmerte, ich hatte meine Badehose angezogen und mußte nur aufpassen, daß ich während der Posen nicht wegrutschte, da weder meine Füße noch Hände guten Halt auf der regennassen Yogamatte hatten. Während ich also mitten in meiner Praxis war, wurde der Regen stärker und auch der Himmel direkt über mir verdunkelte sich zusehends, entfernt war Donnergrollen zu hören, gefolgt von grellen Blitzen.
Dhanurasana und der dunkle Himmel
Ich befand mich gerade in der „Bogen“-Pose – „Dhanurasana“ in der internationalen Yogasprache –, wo man auf dem Bauch liegend die Fußgelenke greift und sich eben wie ein Bogen nach oben biegt, so daß der Bauchnabel praktisch den ganzen Körper stützt und ausbalanciert. Statt auf meine Nasenspitze, was der klassische, für Fokus sorgende Blickpunkt in dieser Asana war, starrte ich in den Himmel über mir: Er war plötzlich nächtlich dunkel geworden und der krachende Donner war nicht mehr entfernt, sondern nahe und ließ mich zusammenzucken. Auch die Blitze erleuchteten nicht mehr den Horizont, sondern die Häuser der Umgebung.
Die Selfie-Versuchung
Ich hatte nun zwei Gedanken: Der eine war ein bißchen ängstlich, aber sehr vernünftig: Allen Blitzableitern zum Trotz und ungeachtet der Tatsache, daß mein Balkon nur im zweiten Stock und nicht auf dem Dach gelegen war, – Blitze fanden oft die seltsamsten Wege, um als meteorologische Schicksalsschläge das Leben von zu unbekümmerten Menschen abrupt zu beenden. Andererseits sind literarische Autoren natürlich keine besonders vernünftigen Menschen – sonst wären sie Drehbuchschreiber oder Werbetexter oder Journalisten geworden –, und so war dieser Gedanke eher eine Art pflichtgemäße Begutachtung der Realität ohne praktische Bedeutung.
Der zweite Gedanke allerdings ging deutlich tiefer: Mir war sofort klar, daß Yoga draußen bei Gewitter ein eigentlich geniales Fotomotiv war. Vor meinem inneren Auge sah ich mich von zeusmäßgen Blitzen beleuchtet im prasselnden Regen eine Asana ausüben. Und da ich gerade die zweite Serie des Ashtanga-Yoga praktizierte – viele Rückbeugen – würde die nächste Pose nach dem „Bogen“ das „Kamel“ sein. Eine Haltung, wo man im Kniesitz sich mit dem Oberkörper nach hinten biegt, mit den Händen die Fersen greift und so extrem die Brust öffnet, sich gleichsam wehrlos dem Himmel darbietet, der in diesem Fall direkt über mir respekteinflößend mit Blitz und Donner daherkam. In so einer Situation ruhig zu atmen, die Yogapose entspannt aber auch stabil zu halten, wäre ultimative Coolness, ultimatives Yoga, ultimative Ruhe im geradezu sprichwörtlichen Auge des Orkans.
Das Smartphone als Trübung der Wahrnehmung
Für so ein Foto allerdings hätte ich dazu die Situation verlassen, vom Balkon in der Wohnung gehen und dann, wieder zurück im Sturm, mit dem Smartphone eine Weile herumhantieren müssen, um ein brauchbares Selfie aufnehmen zu können. All diese von fotografischen oder gar videomäßigen Dokumentieren getriebenen Aktionen würden aber letztlich die augenblickliche Situation grundsätzlich verzerren. Denn in dem Augenblick, wo ich den Balkon verlassen würde, um mein Smartphone zu greifen, würde die Magie des Moments sofort dahin sein, da ich nicht mehr genau diesen Moment erlebte, sondern dominant vom Impuls getrieben war, diesen zu dokumentieren. Was ihn qualitativ veränderte.
Ähnlich wie Elektronen in jenem bekannten Quanten-Experiment sich plötzlich – wenn sie nämlich gemessen, also „beobachtet“ werden – nicht mehr wie eine Welle verhalten, wenn sie durch einen Doppelspalt geschickt werden, sondern plötzlich die Eigenschaften von Teilchen zeigen. Was sehr paradox anmutet, aber inzwischen als physikalische Tatsache sattsam bewiesen ist. Gerade in unseren vom visuellen Posten, also Filmen und Fotografieren getriebenen Zeiten scheint mir diese Tatsache immer wieder erwähnenswert: Beobachten verändert das Beobachtete.
Show oder Erfahrung, die Entscheidung
Aber zurück zum Balkon, denn hier geht es ja um einen konkreten Fall und keine allgemeinen Weisheiten: Während ich also in der Bogen-Pose verharrte und die Regentropfen meinen Rücken sanft massierten, mußte ich mich entscheiden: für den Moment oder für das Smartphone, für das Erleben oder für das Posten, für die introvertierte Erfahrung oder für die extrovertierte Show.
Obwohl ich in vordigitalen Zeiten nicht besonders fotoaffin gewesen bin, ich den Einfluß der Kamera in privaten Situationen immer eher als die wahre Situation verzerrend und oft als recht nervig empfand – professionelles Filmen war natürlich eine ganz andere Geschichte –, war die Versuchung für mich ziemlich groß, zum Smartphone zu rennen, um ein cooles Bild zu schießen. Die modernen Zeiten waren nicht spurlos an meiner Seele vorbeigezogen. Alle Welt postete ununterbrochen. Was natürlich auch damit zu tun hatte, daß ein Bild tatsächlich viel mehr sagte als viele Worte. Solange es sich jedenfalls um dokumentarische Schnappschüsse handelte. Aber so verführerisch der Impuls auch war, ich wollte die coole Situation letztlich nicht für ein cooles Foto opfern und so entschied ich mich mit einem inneren Ruck – dieser psychische Prozeß dauerte höchstens ein paar Sekunden, war aber sehr komplex –, das Smartphone und jede visuell mediale Verwertung zu vergessen und stattdessen kompromißlos in der Gegenwart zu bleiben.
Identität mit dem Unwetter
Eine Entscheidung, die mit einem freundlichen Augenzwinkern vom Schicksal sofort belohnt wurde. Denn während ich mich im strömenden Regen in die nächste Pose der Ashtanga-Sequenz hineinbewegte – das „Kamel“ oder in der üblichen Yoga-Terminologie auf Sanskrit: „Ustrasana“– und die ersten tiefen Atemzüge tat, die Brust zum düsteren, fast schwarzen Himmel entgegengestreckt, leuchtet dort plötzlich in einem rötlichen Farbton ein Blitz direkt über mir auf. Ich starrte in Nahaufnahme, es wirkte tatsächlich nur wie einen Katzensprung weit entfernt, in das Zentrum dieser alles Menschliche sofort relativierenden Naturerscheinung. Ein markerschütternder Donner folgte auf dem Fuß. (Für alle, die ihr Schulwissen vergessen haben sollten: Licht ist schneller als Schall, deswegen hört man den Donner später, obwohl er gleichzeitig stattfindet). Aber mein Atem blieb erstaunlich unbeeindruckt von dem Spektakel, tief und ruhig. Ich fühlte mich für einen flüchtigen Augenblick dem Blitz, dem Donner und dem düsteren Himmel, so seltsam es sich anhören mag, innig und angstlos verbunden. Als wären sie Teil von mir und ich Teil von ihnen.
Transzendenz als Geschenk
Dieser Moment verging, so schnell er gekommen war; und auch der Regen wurde schwächer und der Alltag holte mich in dem Sinn wieder ein, daß sich die mystische Aura wieder verflüchtigt und ich mir bei den Asanas wieder meiner nass-klebenden Badehose bewußt wurde, der glitschigen Matte und die restliche Yoga-Praxis wieder mehr wie business as usual wirkte.
Aber der krass transzendente Moment, wo mein Ego sich wortwörtlich im Himmel verlor oder sogar auch umgekehrt, wo der Himmel, der eigentlich das unfassbare Universum präsentierte, sich gefühlt in meinem Herzen ausbreitete, hatte stattgefunden; und nur deswegen, weil ich nicht der Versuchung nachgegeben hatte, zum Smartphone zu rennen und Selfies zu machen. Ich wäre nicht in der den Körper und die Psyche öffnenden „Kamel-Haltung“ im Angesicht des Blitzes gewesen, hätte ich mich um die Dokumentation statt um das Erleben der Situation gekümmert. Vor allem hätte ich es mit Sicherheit nicht so intensiv empfunden und mich nicht im Wortsinn mit dem ganzen Körper dem Himmel der Natur und auch ein bißchen der Hölle der Vergänglichkeit geöffnet. Ich hätte stattdessen vermutlich die Vorstellung erlebt – und diese dann per Video- oder Fotobeweis geteilt –, Yoga im Sturm zu machen, aber keineswegs die authentische Wirklichkeit davon. Was ein riesengroßer Unterschied ist.
Der moderne Gesang der Sirenen: Smartphones
Die medial manipulierte Vorstellung des Augenblicks statt seine authentische Erfahrung wäre also dann das Ergebnis gewesen und mit diesem Schlenker bin ich wieder bei den Sirenen des Anfangs: Ihr ablenkender Gesang hat heute unter anderem die Gestalt der Smartphones und ist nicht weniger lebensgefährlich als zu Homers Zeiten, weil die Wahrnehmung der Gegenwart verzerrend. Denn mythologische Fabeln sind natürlich nie wortwörtlich zu nehmen, sie stellen stattdessen immer einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Psyche dar. Wer also als moderner Mensch über die klassischen Mythen die Nase rümpft, weil deren Akteure angesichts von manipulativ suggestivem Gesang auf einer Meeresinsel nicht einfach beispielsweise den Flieger als Alternative nehmen oder über die Bluetooth-Kopfhörer andere Musik einspielen, statt sich primitiv mit Bienenwachs die Ohren zu verstopfen, hat das Wesen der Mythen nicht verstanden: die kollektiv psychische und nicht aktuell tatsächliche Realitäten repräsentieren.
Fokus oder Ablenkung
Ablenkung von der eigenen Gegenwart ist eine solche psychische, allgemeinmenschliche Realität, deren zeitgemäßer Ausdruck heute eben keine betörenden Stimmen mehr sind, die naive Seefahrer ins Verderben treiben, sondern die modernen Sirenen präsentieren sich heute als Smartphones. Ihr Ablenkungspotential, zumindest solange der Akku hält, ist tatsächlich gigantisch und unerschöpflich: Es ist heutzutage keine Situation mehr denkbar, wo nicht irgendwer zum Handy greift und die jeweilige Gegenwart für eine digital aufgepeppte Version eintauscht und sie also im Wesen verzerrt. Selbst eine so seltene Situation wie die, Yoga draußen im Gewitter zu machen, wäre in ihrem Kern geradezu krankhaft krebsmäßig mutiert, wenn ich um Haaresbreite der Versuchung des Smartphones erlegen wäre. Selbst also jemand wie ich, der relativ resistent gegenüber den permanent aufleuchtenden virtuellen Scheinwelten ist, wäre trotzdem beinahe dieser wesentlich narzißtisch inspirierten Fata Morgana erlegen.
Mythen als spirituelle Infoboxen
All dies ist selbstverständlich keine Kritik an moderner Technologie und Kommunikation. Es ist stattdessen aber ein Hinweis darauf, daß die alten Mythen keineswegs bedeutungslos geworden sind, sondern nur in neuer, eben zeitgemäßer Gestalt wiederkehren. Wenn Smartphones die Sirenen der Gegenwart sind, die den Geist der Menschen virtuell verwirren und von ihren authentischen Wegen und Wesen abbringen können, dann sind logischerweise auch wieder Charaktere gefragt, die dem klarsichtigen Odysseus ähneln oder der weisen Zauberin Kirke; wenn der Mythos sein reales Haupt erhebt, werden auch politische Schaumschläger, neurotische Schneeflöckchen, religiöse Fanatiker auf ihr wahres, auf ihr menschliches Maß zurechtgestutzt. Was eine gute, eine gesellschaftlich heilende Sache ist.
Yoga im virtuellen Zeitalter
Anders ausgedrückt, auch im Zeitalter der Smartphones brodeln archetypische Konflikte in den Psychen der Zeitgenossen. Im hier beschriebenen Fall, Yoga auf dem Balkon bei Unwetter, geht es um die Entscheidung zwischen Fokus oder Zerstreuung. Konflikte, die keine Künstliche Intelligenz wird lösen können, sondern nur der wahrhaftige Blick des Menschen auf sich selbst. Was eigentlich auch das Wesen von Yoga ist, so wie ich es verstehe. So gesehen war nicht die Ausführung der Kamel-Pose bei Blitz und Donner das Kennzeichen von Yoga, sondern die Tatsache, daß ich für einen Moment völlig ruhig und ohne subjektive Verunreinigung das Unwetter akzeptierte und wahrnahm. Allerdings hätte ich ohne die Pose vermutlich diese Ruhe und Klarheit niemals empfunden.
Keine Welt ohne Scheinwelt
Offenbar sind die Dinge der Welt auf eine sehr mysteriöse Weise miteinander verschlungen, das Körperliche braucht das Geistige, und umgekehrt, das Einfache das Komplexe, und umgekehrt, die Gegenwart die Vergangenheit, und umgekehrt, – und in diesem Sinne sind auch die Künstliche Intelligenz, Smartphones, virtuellen Scheinwelten durchaus unverzichtbar, da ohne sie das Welttheater weder Bühne noch Requisiten hätte und es gar kein Schauspiel gäbe. Was ja auch schade wäre.
PS:
Das Beitragsbild zu diesem Blog ist übrigens erkennbar plakativ KI-generiert. Es illustriert diesen Text als Blickfang, was eine schöne Sache ist. Aber es ersetzt den Text eben nicht. Was ihn wiederum bestätigt: Auch die Scheinwelt ist Teil der Welt.