Als Autor habe ich mit den sogenannten sozialen Medien immer gefremdelt. Hauptsächlich deshalb, weil mir beispielsweise bei Facebook schnell klar wurde, daß das ständige Präsentieren persönlicher Erlebnisse und Meinungen mich als authentische Kommunikation nicht wirklich interessierte. Aus zwei Gründen: Was man vielen Leuten gleichzeitig erzählt, ob per Video, Audio, Bild oder Text, ist automatisch nicht mehr wirklich persönlich gemeint. Was ist es aber dann? Entweder es ist Werbung für sich selbst – seht her, wie cool, schlau, sensibel, begabt oder was auch immer ich bin –, also ein zutiefst narzißtischer Impuls. Menschlich natürlich verständlich und wenn man sich zerstreuen will, auch oft unterhaltsam zu verfolgen, – aber auf Dauer recht ermüdend. Und ich sage das als jemand, der kaum genug von privaten Katzenvideos kriegen kann … Wobei der Bereich des Dokumentarischen noch eine eigene und andere Kategorie ist, dazu komme ich aber später.
Oder aber man möchte mit seinen Posts wirklich etwas ausdrücken – „teilen“ –, was das eigene Ego transzendiert, was nicht nur persönlich berichtenswert ist. Dann betritt man aber automatisch das Reich der Künste oder des klassischen Journalismus. Und da weht ein rauherer Wind als im privaten, wohlgesonnenen Freundeskreis. Wer also beispielsweise ein Selfie von sich auf einer Bergspitze macht und dies postet, tritt im Prinzip – auch wenn er oder sie es nicht weiß – mit einem Selbstporträt von Van Gogh in Konkurrenz. Oder wenn es ein Video ist, mit zum Beispiel dem Regisseur Kubrick. Ohne allerdings die gleiche Energie und Leidenschaft in diese Unternehmungen gesteckt zu haben. Ein Bild zu malen oder einen Film zu drehen, ist halt doch noch was völlig anderes als auf einen Knopf beim Smartphone zu drücken. Was sich darin ausdrückt, daß das normale Selfie oder Video in der Regel niemanden berührt, auch dann nicht, wenn es am Mount Everest aufgenommen worden ist, weil es eben keine echte, keine wie auch immer geartete künstlerische Aura hat. Es ist eben keine Kunst, sondern letztlich doch nur eine narzißtische Eruption. Im erwähnten Beispiel den Himalaya als Kulisse für die eigene Großartigkeit benutzend. Was die meisten Leute, auch wenn sie es für den Moment toll finden und liken, schon in den nächsten Minuten völlig vergessen haben werden.
Für mich waren daher bis vor kurzem die sozialen Medien nur eine Art von modernem digitalen Klatsch und Tratsch. Faszinierend insofern, weil die persönlichsten Dinge fast in Lichtgeschwindigkeit die globale Runde machen konnten. Als ich beispielsweise meinem finnischen Onkel, mit dem ich nur sporadischen Kontakt hatte, vor vielen Jahren erzählte, daß die Scheidung von meiner Frau vor ein paar Tagen frisch und offiziell vollzogen sei, sagte er nur, das wisse er schon. Als ich ihn überrascht fragte, woher, denn er hatte meines Wissens keinen direkten Kontakt mit meiner Ex-Frau, lachte er nur und sagte: „Facebook“.
Persönliche Dinge können im Internet-Zeitalter also tatsächlich in Echtzeit und völlig unkontrollierbar breitgestreute Öffentlichkeit erlangen. Aber was mich wirklich seltsam berührte und meine intuitive Abneigung vor den sozialen Medien damals festigte, was das kurze, wissende Lachen meines Onkels, bevor er „Facebook“ sagte. Denn er fragte nicht nach dem warum und wieso, sondern die oberflächliche Information der Scheidung als solche und daß er sie verfügbar hatte, schien ihm völlig zu genügen. Worin sich meiner Meinung nach das auf schnelle Reize ausgerichtete Wesen der Online-Kommunikation spiegelt, das kein besonderes Interesse daran hat, sich wirklich tiefer in Dinge zu versenken. Der nächste digitale Snack wartet ja schon.
Es scheint nicht nur Junk-Food zu geben, schnell verdaubar und billig, sonder auch Junk-Information, leicht mental zu verarbeiten, aber ohne jeden geistigen Nährwert. Diese kontextlose, schnell absorbierbare Information scheint – ähnlich wie auf der körperlichen Ebene die ultra prozessierte Industrienahrung (also Tiefkühlpizza, Gummibärchen, Chipstüten usw.), das Bewußtsein der Zeitgenossen mit einer Art ungesunden Fettschicht aus Kilos, aus Gigabytes an Informationsmüll zu überziehen, die geistige Trägheit statt wachen Fokus erzeugt.
Das ist vielleicht als allgemeines Urteil etwas harsch, vor allem, wenn man bedenkt, welche neuen Möglichkeiten des globalen Kennenlernens von Leuten und Lebenswelten die Online-Kommunikation der sozialen Medien bietet. Wenn man heute beispielsweise von Deutschland nach Japan fliegt und wissen möchte, wo in Tokyo die beste Joggingstrecke verläuft und ob vielleicht jemand Lust hat, dort mitzulaufen, – dank Facebook und anderen sozialen Plattformen ist eine derartige kommunikative Vernetzung heutzutage praktisch Alltag und durchaus begrüßenswert.
Was aber leicht übersehen wird, ist die parallele Tatsache, daß die virtuelle Welt eben auch genau das ist: eine Schattenwelt. Ein Küßchenemoji ist nicht dasselbe wie ein echter Kuß, ein Follower ist im realen Leben keineswegs ein wahrer Freund und ein angeklicktes Herzchen unter einem Beitrag ist ein sehr billiges, sehr unverbindliches Zeichen von authentischer Wertschätzung.
Da für mich praktisch in allen Bereichen des Lebens Qualität wichtiger ist als Quantität, bedeutete dies übertragen auf die sozialen Medien, daß ich jederzeit und überall einen einzigen authentischen Kontakt Hunderten, Tausenden oder sogar Millionen von virtuellen Freunden vorziehen würde. Womit ich mich sozusagen selbst aus dem virtuellen Spiel nehme, denn in den sozialen Medien ist die Masse an Likes, Followern, Kommentaren und so weiter die wahre und im Ernstfall einzige Währung. Was ja eigentlich völlig natürlich ist, denn auf dem Marktplatz gelten die Gesetze des Marktes, das war auch schon in vordigitalen Zeiten so.
Doch wer mehr schöpferisch statt kommerziell orientiert ist, sollte sich deswegen keinen allzu großen Kopf machen. Im Gegenteil, diese Spannung zum Mainstream kann, wenn sie nicht in Wahnsinn und Egozentrik abgleitet, evolutionär betrachtet sogar notwendig sein, damit die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins immer wieder frische Impulse erhält und nicht selbstgefällig auf der Stelle tritt.
Wie auch immer sich das verhält, richtig warm wurde ich jedenfalls mit Facebook & Co. nie. Was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte, meine bescheidenen seltenen Posts erfuhren keine große Aufmerksamkeit, also alles schick. Wenn ich mich informieren wollte, las ich entweder die online Versionen von Tageszeitungen oder checkte die aufkommenden, noch nicht etablierten, alternativen Nachrichtenportale. Fernsehen hatte ich vor einem Dutzend Jahren mehr oder weniger aufgegeben; und zwar ungefähr zu dem Zeitpunkt, wo kaum noch ein „Tatort“ ausgestrahlt wurde, in dem nicht entweder sexuell speziell orientierte Kommissare oder „rechte“ Bösewichte oder drohende Klimakatastrophen ihr unentrinnbares Unwesen trieben. Das war derart offensichtlich ideologische Propaganda im Gewand von Unterhaltung, daß ich darauf keine Lust mehr hatte.
Das Problem war jedoch, spätestens als das Gespenst von Corona weltweit die Menschen in Panik versetzte, mit viel Getöse orchestriert von den etablierten Medien, daß es schwierig wurde, überhaupt noch halbwegs neutrale, also mehr oder weniger rohe Informationen zu bekommen. Um sich selbst ein Bild machen zu können, das nicht im Wesentlichen schon vorgemalt worden war. Denn auch die alternativen Medien, die sich auf Konfliktkurs mit dem woken Zeitgeist befanden, hatten natürlich genau deswegen automatisch und unvermeidbar eine Schlagseite in die andere Richtung.
Wenn Ideologie die Gesellschaft dominiert, wird es wahnsinnig schwierig, diesem Teufelskreis aus hysterischen Meinungen zu entgehen und kühlen Kopf zu bewahren. Das ist ähnlich wie im Straßenverkehr: Wenn jemand aggressiv auf der Autobahn ohne Abstand hinter einem klebt, muß man schon selbst sehr cool sein, um darauf nicht selbst aggressiv oder panisch zu reagieren.
Wobei im Dauerfeuer der ideologisch überdrehten Medien, die ununterbrochen mit angeblichen Klimakatastrophen, frei wählbaren Geschlechtern und drohendem Faschismus den geistigen Horizont verdunkeln und extrem verengen, das ausgleichende Gegengewicht der sogenannt alternativen Portale kaum zu überschätzen ist. Ohne Nius, Tichys Einblick, Reitschuster und so weiter wäre Deutschland medial mehr oder weniger ideologisch vollkommen gleichgeschaltet. All dem offiziellen Gerede von „unserer Demokratie“ zum Trotz.
Aber natürlich wünscht man sich eigentlich als wacher Zeitgenosse auch eine Informationsquelle, die relativ unabhängig und ungefiltert von politischen Richtungen sprudelt. Denn das war eigentlich das ursprüngliche Versprechen des Internets: frei zugängliche Information für alle, ohne „alternativlose“ Haltungen und vorgekaute „Narrative“. Freie Information, freie Meinung, freies Kommentieren, freies Posten –, so, daß die reale Welt sich ein reales Bild von der realen Welt machen kann. Inklusive all des Wahnsinns, der Gewalt, der Dummheit, aber auch der Weisheit, der Schönheit, der Wahrheit. Die Lotusblume der Erkenntnis, wie es im buddhistischen Gleichnis heißt, wächst nur im dreckigen Schlamm zur vollen Blüte.
Und mit diesem zenmäßigen Schlenker bin ich jetzt bei der Plattform „X“, dem versteckten Zielhafen dieses Blogs, auf den ich in einem zugegeben weltanschaulich sehr weiten Bogen zugesteuert bin. Seit Elon Musk das ehemalige Twitter vor ein paar Jahren aufgekauft und in „X“ umbenannt hat, gibt es tatsächlich plötzlich wieder einen virtuellen globalen Treffpunkt, wo ununterbrochen rohe und nicht ideologisch vorgekaute Informationen aller Art ausgetauscht werden.
Ob Dokumente aus den Epstein Files, Videos von angeblichen Aliens oder Reptilienmenschen oder politischen Demonstrationen, Katzenclips im Kampf mit Kobras, Bilder von Mördern und deren Opfern, Reden von Trump oder Putins Warnungen über westlichen Satanismus, die Ernährung von Christiano Ronaldo, viral gehende Clips über ein schottisches Mädchen, das mit einer Axt ihre jüngere Schwester gegen sexuelle Übergriffe verteidigt, – „X“ liefert einen ununterbrochenen Strom an ungefilterter Kommunikation, in dem sich Informationen, Meinungen, Lügen und Wahrheiten, Dokumentationen, Emotionen und Diskurse, Neurosen und Geistesblitze in einer gleichsam ozeanisch unendlichen Brandung den Millionen von Nutzern darbieten. Bis auf pornographische oder menschlich zu grausame Inhalte findet keine Zensur statt, man bekommt also jederzeit eine Art Schnappschuß von ungefilterter Welt serviert. Mit dem man machen kann, was man will, ein Framing „von oben“ findet nicht statt.
Stattdessen reguliert sich „X“ durch seine Nutzer im Prinzip von selbst, weil natürlich Kommentare und Posts zu allem und jedem potentiell die unterschiedlichsten Standpunkte präsentieren und so jeder die Möglichkeit hat, sich selbst ein eigenes Bild zu machen. Und genau diese Möglichkeit, durch Informationen ein eigenes Urteil zu ermöglichen, die eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit sein sollte, ist von den traditionellen Medien im Laufe der letzten Jahrzehnte völlig und unentschuldbar stark vernachlässigt worden.
Im Unterschied also zu andern sozialen Medien, die oft filtern und framen, was das Zeug hält, beziehungsweise, die sich an eine klar definierte Zielgruppe richten (Datings Apps beispielsweise oder Yogaforen und so weiter), ist „X“ vergleichbar einer klassischen Nachrichtenagentur, die ununterbrochen Informationen aller Art OHNE Bewertung weiterleitet. Nur daß heutzutage dafür keine Faxmaschine bei einer Zeitung rattert und irgendwo ein Auslandskorrespondent sich die Finger wund tippt, sondern man einfach nur online sein muß, um sowohl zu senden als auch zu empfangen.
Mit der Plattform „X“ hat Elon Musk der Welt jedenfalls einen unschätzbaren Dienst im Sinne von Freiheit und Demokratie erwiesen. Er hat die ideologischen Ketten, die um Informationen und damit um das menschliche Bewußtsein gelegt wurden, zumindest für den Augenblick gesprengt. Geld und Geist, Reichtum und Freiheit in seltener Harmonie. Was vielleicht auch für die klassischen Medien eine Inspiration und Weckruf sein könnten, wieder nüchtern journalistisch Informationen zu vermitteln und sich nicht in Haltung und Erziehung der Bevölkerung zu suhlen. Dann würde vielleicht auch ich wieder zu Tageszeitungen greifen, online oder sogar als Papier, und auch vielleicht das Fernsehen wieder aktivieren. Bis dahin versuche ich, ideologisch tausendfach verarbeitete Junk-Informationen genauso zu vermeiden wie Junkfood. Klappt nicht immer, aber der Versuch zählt.