All den leuchtenden Smartphones in den Händen und dem Always-On des Internets zum Trotz lebt Deutschland in großen Teilen im tiefsten, das heißt über sich selbst unbewußten Mittelalter. Wo zumindest psychisch immer noch der Teufel an die Wand gemalt wird, Hexen verbrannt werden und eine sich selbst für unfehlbar haltende mediale Inquisation ihr Unwesen treibt.
Bewußtseinsmäßig ist zwischen einem überzeugtem Mainstream-„Antifaschisten“, für den AfD-Mitglieder und überhaupt alle, die beispielsweise ungeregelte Migration für eine katastrophale Zerstörung der eigenen Kultur halten, als „Nazis“ gelten und einem Hardcore Muslim, für den Frauen und Ungläubige und nicht zu vergessen Hunde im Zweifelsfall minderwertige Wesen sind, – kein allzu großer Unterschied. Beide auf den ersten und oberflächlichen Blick so unterschiedlichen Vertreter der verschiedenen menschlichen Kulturen – die einen steinigen richtig, die anderen bevorzugen zur Zeit noch die sprachliche und eher digitale Verunglimpfung – sind darin vereint, daß sie in ihren besserwissenden Seelen ein klares Feindbild besitzen. Wer wahlweise zu den „Ungläubigen“ oder „Rechten“ gehört, zieht eine Verachtung und einen Haß auf sich, die rational, das heißt kausal und menschlich nachvollziehbar, überhaupt nicht zu erklären sind.
Denn die meisten Nicht-Muslime haben niemals irgendeinem Muslim etwas zuleide getan und die allermeisten AfD-Mitglieder oder Sympathisanten sind völlig normale Zeitgenossen ohne jeden kriminellen oder gar „nationalsozialistischen“ („Nazis“) Hintergrund. Ganz im Gegenteil. Und trotzdem: die grölenden Stimmen von Konzertbesuchern, die schreien, animiert von sogenannten Musikern auf der Bühne: „Ganz Berlin haßt die AfD!“; oder der den Islam, die angebliche „Religion des Friedens“, brutal auslebende Mann, der mit Bleifuß und Mietwagen in eine Menschenmenge rast, zufällige Passanten dadurch verkrüppelt oder tötet, – diese brachiale psychische Energie, die sich derart einzeln oder in der Masse Bahn bricht, existiert. Und zwar als unterschätzte und meist völlig unverstandener Realität.
Ich rede bewußt von psychischer Energie und nicht von politischer „Haltung“ oder ähnlichem. Denn der Irrtum, dem viele naiv unterliegen, ist der, daß aggressive politische oder religiöse Richtungen überhaupt an einem halbwegs kommunikativen und respektvollen Austausch von Meinungen und Argumenten interessiert sind. Sie sind es nicht. Meist nicht einmal aus kalkuliert böswilliger Absicht übrigens, sondern weil Rationalität im Ernstfall überhaupt keine Rolle mehr spielt, wenn unbewußte psychische Prozesse die Steuerung übernommen haben.
Im Privatleben dürfte jeder Menschen kennen, oder sogar sich selbst dazuzählen, die temporär „ausrasten“, sei es aus Panik oder Wut, die unter der Fuchtel einer obsessiven Vorstellung stehen und kommunikativ zumindest im Augenblick nicht mehr erreichbar sind. Was im Individuum isoliert stattfinden kann, kann natürlich als Phänomen auch im größeren, im gesellschaftlichen Maßstab sich ereignen. Und erzeugt durch gruppendynamischen emotionalen Druck oft einen unwiderstehlich mächtigen Sog. Zuletzt bei der Corona-Hysterie im globalen Maßstab wahrnehmbar. Wenn eine Masse von Leuten „umkippt“, also die Nüchternheit des gesunden Menschenverstandes und damit als typisches Merkmal auch jeden Humor verliert, weil etwa eine medial geschürte Emotion wie Angst oder Aversion sich lawinenartig in den Psychen der Einzelnen ausbreitet, dann ist authentische Kommunikation auf der Ebene des Bewußtseins unmöglich geworden.
Das ist natürlich nichts Neues; klassisch Gebildeten dürfte der Spruch aus dem alten Rom in den Sinn kommen: „Senatores boni viri, senatus autem bestia“ („Die Senatoren sind gute Männer, doch der Senat ist eine Bestie“). Allgemein Belesene könnten Le Bon und sein Buch „Die Psychologie der Massen“ assoziieren, das die durch Manipulation potentiell jederzeit hochgehenden psychischen Zeitbomben sozialer Gruppen oder ganzer Bevölkerungen analysiert. Und tiefenpsychologisch führt kein Weg an C. G. Jung vorbei, der praktisch sein ganzes Leben und Schreiben der Erforschung dieser unbewußten psychischen Prozesse gewidmet hat – weil er ihre dominanten Wirkungen auf das Leben der Einzelnen und auf die Gesellschaft als Ganzes realisierte.
Obwohl also die Umnachtung des menschlichen Bewußtseins durch überwältigende, im Unbewußten wurzelnden Emotionen ein sehr alter Hut ist, ist die Auseinandersetzung mit diesem Problem immer wieder und leider eine sehr aktuelle Angelegenheit. Die Aura von zivilisatorischer Aufgeklärtheit, von Coolness und Intelligenz, die der kulturelle Mainstream zumindest unausgesprochen gerne für sich beansprucht – ausgesprochen eher nicht, die Diskrepanz zur Realität wäre zu offensichtlich – ist nüchtern betrachtet eine völlige Täuschung. Als Beispiel dafür möchte ich die öffentliche Wahrnehmung und Präsentierung von Björn Höcke anführen; Landesvorsitzender der AfD in Thüringen, der von vielen Medien und Internetplattformen zu einem nationalistischen und unmenschlichen Teufel in Menschengestalt stilisiert worden ist, zu einem kaum verkappten Wiedergänger von Hitler, voller Größenwahn, Rassismus und Haß.
Bevor ich zum Interview mit dem Podcaster Ben komme (Link hier), das vor ein paar Wochen innerhalb von wenigen Tagen Millionen von Aufrufen und Likes und positiven Kommentaren hatte, und wo Björn Höcke sich und seine politische Haltung vier Stunden lang im Gespräch präsentierte, nicht unterbrochen und beschimpft, sondern auf menschlicher Augenhöhe, – ein kleiner persönlicher Einschub.
Damit man meinen Maßstab versteht, der zwar von dieser Welt ist, aber anders als der der meisten insofern, als daß ich praktisch von Kindheit an zutiefst gegen politische Ideologie, die auf Autopilot abschnurrt, immunisiert bin. Als Junge bin ich ein paar Jahre in einer Wohngemeinschaft aufgewachsen, in der die erste Generation der RAF ein- und ausging; Leute also, die in der öffentlichen Wahrnehmung bald darauf als gemeingefährliche Terroristen eingestuft wurden. Da ich schon früh ein recht begabtes Händchen für Brettspiele hatte, saß ich oft mit Jan Raspe beim Go zusammen oder mit Philip Sauber beim Schach. Der erstere erschoß sich später in Stammheim, der zweite wurde bei einem Schußwechsel mit der Polizei getötet.
Warum ich das erzähle? Weil es meinen anderen Blick auf Politik erklären hilft. Ich kann mich beispielsweise an Jans versunkenes, konzentriertes Gesicht erinnern, als er auf das Go-Brett starrte, weil ich einen guten Zug gemacht hatte. Dieses introvertierte, meditative Gesicht hatte nichts mit den dämonischen Verbrecherfotos zu tun, von denen bald alle Zeitungen und das Fernsehen voll sein würden.
Diese Erfahrung, daß Medien immer auch ein Zerrbild von Menschen zeichneten, schlug unbewußt derart bei mir Wurzeln, daß ich niemals mehr die öffentliche Meinung für bare Münze nahm. Zum Zweiten, und das ist noch immunisierender gegen Ideologie: Ich war, obwohl sozusagen mitten im linken Umfeld pro forma zuhause, instinktiv abgestoßen von der Gewalt, mit denen politisch motivierte Terroristen, eben auch Jan und Philip, den Tod von nur indirekt beteiligten und im Prinzip zufälligen Personen bewußt als unvermeidbaren Kollateralschaden für ihr heiles Weltbild in Kauf nahmen. Wie etwa das Leben von Chauffeuren oder Polizeibeamten bei Attentaten oder Entführungen.
Das heißt und das ist jetzt die allgemeine Pointe und bestimmend für meinen Standpunkt auch heute: Ich war und bin weder im sogenannt linken noch im sogenannt rechten Milieu zuhause, sondern dort, wo der einzelne Mensch zählte, die erfahrene Wirklichkeit der wahre Test für jede Meinung ist und nicht nur imaginierte und übergriffige Modelle von der Welt das Bewußtsein trüben.
Mit anderen Worten, einfacheren Worten: Ich habe eine tiefe Aversion gegen jede Art von ideologischer Manipulation und mit dieser Haltung schaute ich mir also den Podcast mit Björn Höcke an. Und ehrlich gesagt war mein erster und auch mein letzter Eindruck der eines freien, sehr reflektierten Geistes. Ich kann natürlich nicht ein Podcast von über vier Stunden hier im Detail besprechen, und will es auch nicht.
Aber die Hauptlinie von Höckes Argumentation speziell zur Migrationspolitik und die Pawlowsche Reflexe des Abscheus bei dem herrschenden Mainstream auslöst, ist im Grunde recht einfach und nachvollziehbar: Jedes Land hat eine kulturelle Identität, schwer exakt zu definieren, aber klar gespiegelt in seiner Sprache und seinen Gebräuchen. Und wenn es sich selbst in dieser gewachsenen Struktur erhalten will, was das Recht einer jeden Nation doch ist, dann muß es die Einwanderung nach eigenen Ermessen steuern. Und eben nicht jedem die deutsche Staatsbürgerschaft geben inklusive totaler sozialer Versorgung. Das ist weder Rassismus noch Fremdenfeindlichkeit, sondern der pure Selbsterhaltungstrieb einer Nation, die sich selbst ernst nimmt.
Es ist eigentlich eine geradezu banale Notwendigkeit; die natürlich auch der multikulturellste Schöngeist privat sofort berücksichtig, wenn er den Schlüssel für seine schicke Wohnung oder Villa nicht einfach jedem gibt, der danach fragt. Privat sind all diese sogenannt weltoffenen Leute schnell die ängstlichsten und extrem auf eigene Sicherheit bedachten Spießer. Weswegen sie natürlich unbewußt kompensierend die Grenzen für alle öffnen wollen, solange es nur nicht ihre eigenen Haustüren sind. Praktische Tiefenpsychologie. Ich habe jedenfalls noch von keinem gegenwärtigen Spitzenpolitiker gehört, der seine Kinder in Berlin-Neukölln zur Schule schickt oder sein schönes Häuschen mit „Geflüchteten“ teilt.
Aber es wirft ein schockierendes Licht auf die gegenwärtige Kultur, daß ein Standpunkt wie der, die eigenen Landesgrenzen bewußt zu schützen, als „nationalistisch“ oder „rechtsextrem“ oder gar als Vorbote eines neuen Faschismus wahrgenommen und präsentiert wird. Und daß jemand wie Höcke, der im Grunde wie ein moderner Sitting Bull oder wie Robin Hood nur die Jagdgründe und Traditionen seines Volkes bewahren will, als rassistischer und rückständiger Dämon dargestellt wird, ist eine üble Verzerrung seiner Person und seiner politischen Haltung, die beide nüchtern betrachtet ziemlich rational und freiheitlich sind.
Natürlich kann man auch eine völlig andere Meinung vertreten: Etwa, daß Deutschland als Nation verschwinden, als Schmelztiegel zu etwas ganz anderem mutieren soll, – „große Transformation“ oder wie auch immer die aufgeblasenen Worte angesichts der unwirtlichen Wirklichkeit lauten. Aber wenn Demokratie als Regierungsform ernstgemeint ist, müssen auch Stimmen erlaubt sein, die darauf keine Lust haben und sich in diesem Sinn artikulieren. Personen, die ihr Land als ihre schützenswerte Heimat betrachten, die also das international anerkannte Selbstbestimmungsrecht der Völker auch auf sich selbst, also auf Deutschland, anwenden, als „Faschisten“ zu bezeichnen, „als Nazis“, ist inhaltlich derart offensichtlicher Unsinn, daß es eigentlich erstaunlich ist, daß überhaupt irgend jemand jemals diese Idee in die Welt setzen konnte.
Aber es ist geschehen. Nur zur historischen Erinnerung: Hitler wollte die Welt dominieren und versklaven und nicht, wie beispielsweise die AfD, nur als souveräner Staat in Frieden mit seinen Nachbarn leben.
Rational ist die mediale Verteufelung von Björn Höcke jedenfalls nicht nachvollziehbar, aber psychisch ist sie allerdings erklärbar. Im Rahmen dieses Blogs natürlich nur als Andeutung: Menschen projizieren ihr eigenes Verdrängte und Ungelebte gerne und regelmäßig auf ein Feindbild. Was im Jungschen Sinn einen kollektiven Archetyp des unbewußten Verhaltens darstellt. Mal sind Hexen der Sündenbock, mal Juden, mal die sogenannten „Rechten“. Denn mit einem öffentlich identifizierten, aber letztlich projizierten Übeltäter müssen Menschen sich nicht selbst ändern, sondern können andere Leute, sei es digital oder real, für alles Übel im Privaten als auch im großen Ganzen, verantwortlich machen.
Das ist bequem, vor allem in der kollektiven Variante. Man gehört einfach durch Anpassung an die gerade herrschende öffentliche Meinung automatisch zu den Guten und Heiligen, ohne je selbst etwas Gutes oder gar Heiliges getan haben zu müssen. Das ist ethisch und fürs Selbstwertgefühl ein derart günstiges Schnäppchen, an dem der typische blinde oder geblendete Mitläufer kaum vorübergehen kann, ohne zuzugreifen, beziehungsweise früher oder später zuzuschlagen.
Um jedenfalls zu verstehen, warum Björn Höcke im gegenwärtigen sogenannt demokratischen Deutschland mit mehr Personenschützern herumlaufen muß als jeder bisherige Bundeskanzler, oder warum etwa jeder Weihnachtsmarkt im Winter an eine militärische Festung gemahnt, müßte man sich dringend auch mit Psychologie beschäftigen.
Speziell mit Tiefenpsychologie. Und das ist insofern dramatisch, weil dafür gesellschaftlich die bewußtseinsmäßigen Voraussetzungen unterentwickelt sind. Solange die Beschäftigung damit, was die Leute wirklich umtreibt, also der Blick in die Keller der menschlichen Seelen, als „Gedöns“ oder „Softskills“ oder gar als Zeitverschwendung abgetan wird, dürfte sich wenig an den unbewußten und zerstörerischen Obsessionen fanatischer Zeitgenossen und ihrer jeweiligen politischen und/oder religiösen Bewegungen ändern.
Diese Frage von C. G. Jung in einem Interview war sehr ernst gemeint. Er hatte dabei beispielsweise den Atomkrieg als Konsequenz im Kopf, wenn die psychischen Sicherungen massenhaft in der Bevölkerung durchknallen. Seine Frage ist bis heute vom kulturellen Mainstream weder wirklich verstanden noch beantwortet. Er dürfte auch heute noch von vielen als esoterischer „Querdenker“ abgetan werden. Stattdessen war er auf seine Weise nüchterner Realist. Dies ins Bewußtsein zu rufen, und überhaupt den Fokus auf den versteckten psychischen Faktor von gesellschaftlichen Konflikten zu legen, wie unvollkommen auch immer, ist der geistige Horizont dieses Blogbeitrags.