Das Meer und die Sprache
Lebendige Sprache ist ein bißchen wie das Meer: Man kann jeden Dreck hineinkippen, man kann in alle Richtungen Segel setzen, um fremde Menschen und Länder kennenzulernen, man kann sich von ihm treiben lassen, ins Abenteuer, ins Verderben oder in einen sicheren Hafen. Aber eins ist das Meer nicht und wird es niemals sein: Ein kalkulierbarer und käuflicher gigantischer Swimmingpool für Leute, die glauben, sie können es nach Gutdünken für ihre Zwecke benutzen und beherrschen. Es muß nicht immer gleich ein Tsunami sein, der eingebildeten Menschen ihre Grenzen aufzeigt: Manchmal reicht auch schon ein Hai, eine Feuerqualle oder eine einfache, aber tödliche Rückströmung ins offene Meer.
Mit authentischer Sprache ist es ganz ähnlich: Natürlich kann der herrschende Mainstream der gegenwärtigen offiziellen deutschen Kultur ideologischen Müll ohne Ende in die Sprache schütten: Gendern, multiple Geschlechter behaupten, Wörter wie „Zigeunerjunge“ oder „Negerkuß“ oder „Indianer“ verpönen oder gar verbieten; und andererseits sich an billigen Symbolismen wie „Brandmauer“ berauschen oder mit sogenannt „einfacher Sprache“ auf Hinweistafeln in Parks, Museen oder in öffentlichen Gebäuden und amtlichen Formularen die deutsche Sprache zur anbiedernden Karikatur für Leute machen, die sie sowieso nicht lernen wollen.
All diese im Grunde naiven ideologischen Kontrollversuche ändern aber nichts daran, daß früher oder später das natürliche Immunsystem der Sprache diese amtlich aufgepfropften Zwangsneurosen wieder abstößt und sich davon befreit. Das ist schon deswegen unausweichlich, weil Sprache der authentischen menschlichen Kommunikation dient und evolutionär letztlich alles verschwindet, was der Wirklichkeit nicht gewachsen ist. Der „Negerkuß“, ich schätze mit dem augenzwinkernden Beifall der Schwarzen, wird also den sprachlichen Wahnsinn unserer Tage vermutlich überleben, „divers“ als Geschlechtsangabe mit Sicherheit nicht.
Dieses unverwüstliche sprachliche Immunsystem, das mehr Sinn für Humor hat als jeder empfindliche Politiker und bei Bedarf also beispielsweise immer wieder automatisch „Schwachkopf“ als evolutionär und immergrün passendes Wort generieren wird, ist also die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht für Autoren und überhaupt wache Zeitgenossen, die bei dem gegenwärtigen sprachlichen Mißbrauch nicht mitmachen, ist, daß dieser Heilungsprozeß tatsächlich dauern kann. Die richtig schlechte Nachricht allerdings und weswegen ich diesen Blog überhaupt schreibe, liegt darin, daß Sprache eben nicht nur Sprache ist, nicht „nur Worte“ bedeutet, sondern Bewußtsein verkörpert. Das heißt, wenn die Sprache degeneriert, ist dies kein rein literarisches Problem, sondern betrifft die ganze Gesellschaft, die freundliche Frau im Callcenter genauso wie den Polizeibeamten auf Streife oder die alleinerziehende Mutter mit Kinderwagen im Supermarkt. Im Prinzip wirklich jeden, der die gleiche Sprache spricht, deswegen diese alltäglichen Beispiele.
Bewußtsein ist mit Sprache derart unzertrennlich verschränkt, daß je ideologischer die Sprache zugerichtet wird, desto dressierter auch automatisch das Bewußtsein, das diese Sprache folgsam benutzt. „Heil Hitler!“ als Begrüßung wäre ein klassisch historisches Beispiel für diesen Zusammenhang von Sprache und Geist. „FCK AFD“ als Aufkleber ein etwas modernes für ideologische Dressur. Immer ist auf jeden Fall Sprache Träger von Bewußtsein, sei es Beschränktem oder Erleuchtetem, gleichviel. Was der tiefere Grund sein dürfte, warum alle freiheitlichen modernen Demokratien sich in die Sprache ihrer Völker und Bürger nicht politisch einmischen, weil in dem Augenblick, wo sie es täten, geistige Freiheit proportional zum politischen Einmischen verschwinden würde. Ganz automatisch, eben wegen dieser Kopplung von Sprache und Bewußtsein. Umgekehrt, paradoxerweise aus dem gleichen Grund, lieben die regierenden Menschen in ideologischen oder totalitären Gesellschaften das Einmischen in die Sprache, sie sind fast süchtig danach, da es für die Kontrolle des Bewußtseins der Bevölkerung unabdingbar ist.
Nach diesem kleinen Ausflug in die Gefilde der sprachlichen Säkularisierung, warum also Sprache in demokratisch intakten Gesellschaften vom Staat und seinen Institutionen mehr oder weniger in Ruhe gelassen wird, sei der solcherart geschärfte Blick auf Deutschland gerichtet. Und zwar auf ein kleines Beispiel, das gerade in seiner Banalität und Alltäglichkeit einen wirklichen Abgrund an Ideologie und authentischem Kulturverlust zeigt.
Es geht um den Umgang mit Goethe, jenem bekannten deutschen Autor, der vor über zweihundert Jahren gelebt hat und als junger Mann im Jahre 1774 einen damaligen Bestseller veröffentlicht hatte: „Die Leiden des jungen Werther“. Weil in verschiedenen Plattformen davon berichtet wurde, daß an Berliner Gymnasien klassische literarische Werke den Schülern in „einfacher Sprache“ serviert werden, schaute ich mir mal einen Text in dieser Version an, eben Goethes „Werther.“ Ich fand zwar schon von vornherein die Idee anmaßend, einen literarischen Text zu „vereinfachen,“ aber konfrontiert mit der konkreten Umsetzung, war ich tatsächlich angewidert.
Und gleichzeitig wurde ich geistig hellwach, denn plötzlich war mir völlig klar, warum sich das offizielle Deutschland schon lange von der echten Literatur verabschiedet hat und warum ich mich als deutschsprachiger Autor fremd und fremder in diesem Land fühle. Ich werde jetzt einen kleinen Absatz von Goethe mit der vereinfachten Fassung vergleichen, es ist der Anfang von: „Die Leiden des jungen Werther“. Und dann kann sich jeder selbst ein Bild machen, in meinen Augen von der literarischen Katastrophe, die eine des deutschen Bewußtseins ist, die da im gar nicht so Verborgenen stattfindet.
Der Originaltext von Goethe geht so:
„Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu seyn! Ich weis, du verzeihst mir’s.“
Und jetzt die Fassung in „einfacher Sprache“:
„Bin ich froh, weg zu sein! Lieber Freund, Menschenherzen sind kompliziert. Ich musste dich verlassen, obwohl ich dich liebe. Aber ich bin trotzdem froh. Du wirst mir verzeihen.“
Was natürlich sofort auffällt, für jeden, der ein Minimum an natürlichem Sprachgefühl hat, ist die grausame Holprigkeit des Stils in der vereinfachten Fassung. So schreibt jemand, der nicht schreiben kann, aber es trotzdem versucht. Beispielsweise aus dem originalen Satz: „Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!“ die Variante zu machen: „Lieber Freund, Menschenherzen sind kompliziert.“ ist tatsächlich eine literarische Vergewaltigung, da sie Goethes leidenschaftlichen Satz zu einer an zu viele Therapiesitzungen erinnernde Floskel reduziert.
Mehr konkrete Vergleiche braucht es eigentlich nicht, um das simple Muster dieser Methode zu diagnostizieren: Ein authentischer und berührender Sprachfluß wie der von Goethe wird informativ zerhackt und mit den Mitteln der eigenen Mittelmäßigkeit auf ein Niveau gebracht, das Goethe zum Selbstmord, hätte er so etwas geschrieben, getrieben hätte. Oder zum Mord, hätte ihm jemand derart bürokratisch abgestandene Sprache als eigene Schöpfung unterjubeln wollen.
Wären nun solche Texte nur als private Karikaturen von Dichtung geschrieben, wäre das natürlich kein Thema. Leute machen verrückte Sachen. Wenn sich manche daran aufgeilen, ihren eigenen Senf zur klassischen Weltliteratur beizusteuern, indem sie bekannte Werke als eine Art Inspiration – also so wie bei Pornographie üblich – benutzen. Was solls? Es wäre mir wirklich egal. Mir täten die Schreiber eher leid, denn es ist verschwendete Lebenszeit, subjektiv wie objektiv. Wenn aber und das ist das Erschütternde, solche Texte an Schulen als Lehrmaterial verwendet, als Beispiel für Literatur in „vereinfachter Form“ herangezogen werden, dann ist das offizielle Deutschland literarisch vollkommen tot.
Denn genau die Essenz dessen, was Literatur überhaupt ausmacht, nämlich der eigene unverwechselbare Stil der verschiedenen Autoren, geht sofort verloren, wenn irgend jemand daherkommt und sie „vereinfacht“. Es gibt nichts zu vereinfachen. Man kann aus einem Tiger keine Hauskatze machen, ohne den Tiger zu töten. Und umgekehrt natürlich auch nicht, was folgsam schnurrende Staatsdichter natürlich nicht gerne hören.
Mag der Stil von Autoren auch oberflächlich simpel sein wie bei Hemingway oder verschlungen wie bei Proust oder recht klar wie eben bei Goethe: Die Aura und damit der Sinn von Literatur verträgt keine Vereinfachung. Ich wiederhole mich: keine. Eine Vereinfachung ist einfach nur eine Zerstörung der authentischen Gestalt. Vereinfachte Literatur ist keine mehr. Und das ist der springende Punkt: Eine Gesellschaft, die eine solche Zerstörung von literarischer Gestalt nicht nur zuläßt, sondern aktiv fördert, wie es die deutsche tut, hat sich von der echten Literatur und damit im weiteren Sinn von echter Kultur grundsätzlich verabschiedet.
Ich weiß, es geistern all die angeblich gutgemeinten Gründe für „einfache Sprache“ in den offiziellen Elfenbeintürmen herum; im wesentlichen wohl die Idee, daß man Leuten, die des Deutschen nicht mächtig sind, dadurch überhaupt erst eine Chance verschafft, mit der deutschen Sprache zu kommunizieren. Das ist aus zwei simplen Gründen völliger Unsinn: Zum Einen wird niemand, der aus rein wirtschaftlichen Motiven Gefallen an Deutschland findet, und möglicherweise dieses Land ideologisch auch noch verachtet, echtes Interesse daran haben, die deutsche Sprache zu lernen. Und zum Anderen werden engagierte Leute, die vielleicht tatsächlich Interesse an der Sprache hätten, durch die primitiven Versionen abgeschreckt: Warum sollen sie etwas lernen, was eher an Kita und Grundschule erinnert als an irgendeine Hochkultur? Um ein alltägliches Beispiel zu bringen: Als ich vor paar Jahren im Charlottenburger Schloßpark in Berlin spazieren ging, sah ich ein Schild am Wegesrand stehen, auf dem geschrieben stand:
„Die Beete im Schloss-Garten.
Ganz nah beim Schloss ist der Garten alt. In diesem Garten gibt es:
gerade Wege
besondere Beete.
Die Beete sehen von oben wie ein bunter Teppich aus.“
Die recht sinnbefreite Teppichassoziation macht übrigens dann Sinn, wenn man sich damit an die Benutzer von Gebetsteppichen anbiedern will. Was aber auch schon vollkommen egal ist. – Jedenfalls, ein Land, das solche offiziellen Schilder in die Landschaft setzt, blamiert und entmündigt damit nicht nur die eigenen Bürger als geistig zurückgebliebene Erwachsene – die sich das erstaunlicherweise allerdings gefallen lassen –, sondern zeigt damit eine Verachtung gegenüber der eigenen Sprache, die weltweit vermutlich einmalig sein dürfte. Welche Kulturnation gibt sich sonst eine derartige Mühe, die eigene Sprache und damit die eigene Kultur derart primitiv zu präsentieren? Also völlig unter ihrem echten Wert? Mir fällt wirklich keine ein.
Ungeachtet der Tatsache, daß sich in meinen Augen das offizielle kulturelle Deutschland in einer tiefen Phase der sprachlichen Regression befindet, werde ich natürlich trotzdem bis zum letzten Atemzug meiner Muttersprache Deutsch treu bleiben. Es ist die Sprache, in die ich verliebt bin und die mich erhört hat. Wir sind ein unzertrennliches Paar. Für immer.
Was mich aber nicht hindert, um zum Titel dieses Blogs zu kommen, Ausschau nach Kulturen zu halten, in denen Sprache immer noch, auch im Zeitalter von globalen Videoclips, die eigene Kultur authentisch spiegelt und als solche wirklich respektiert wird. Um zumindest das Gefühl zu bekommen, daß ich mit meiner Haltung: Dichtung und Dichter sind wertvoll, nicht völlig auf dem Mond lebe. Ich mußte auch nicht lange suchen: Rußland war praktisch sofort erste Wahl.
Denn die russische Sprache und damit deren Kultur hat mich, so seltsam sich das anhören mag, weil ich sie weder beherrsche, noch jemals einen Fuß auf russischen Boden gesetzt habe, von Kindheit auf eine seltsame Weise begleitet. Angefangen damit, daß mein Vater Dostojewski und Solschenizyn vom Russischen ins Finnische übersetzte, aber vor allem fasziniert von einem Buch, das ich in der deutschen Übersetzung und mit plakativen lllustrationen versehen, gelesen habe: „Der Mann mit dem roten Stern“ von Arkadi Gaidar.
Von heute aus gesehen zwar extrem im Sinn der ehemaligen Sowjetunion ideologisch indoktriniert, aber als Junge von zehn Jahren las ich es begeistert als Abenteuerroman über einen anderen Jungen, der nicht zur See fuhr wie etwa bei Jack London, sondern der stattdessen zur Roten Armee ging, um für das Gute zu kämpfen. Nicht das Politische bewegte mich, das ich sowieso nicht verstand, sondern die geschilderte Welt mit den Augen eines Jungen zu sehen und an seiner „Heldenreise“ teilzuhaben.
Mit Mitte zwanzig, als ich sicher war, als Autor meinen Weg zu gehen, lernte ich ein paar Semester Russisch an der Uni. Ich hatte in einer Reportage gelesen, es waren die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, daß junge Autoren sich in Rußland an Denkmälern von Dichtern wie Puschkin und Tschechow verabredeten und begleitet von viel Alkohol sich gegenseitig ihre Gedichte vortrugen. Das klang sehr inspirierend, denn schon damals wurde man in Deutschland eher mitleidig belächelt, falls man als Autor noch brotlose Gedichte statt Drehbücher oder Werbetexte schrieb.
Allerdings stellte ich schnell fest, daß ich Russisch nicht nebenbei lernen konnte – damals brauchte ich all meine geistige Energie für die deutsche Sprache – und mir dämmerte auch, daß es keine Garantie dafür gab, daß, sollte ich jemals in Rußland nachts mit Texten und betrunken an einem Denkmal von Tolstoi auftauchen, ich respektiert werden würde, ohne schon einen Namen in Deutschland zu haben. So versandete dieser Versuch, mir hing auch die Uni insgesamt bald zum Hals heraus, aber es blieb immer eine Erinnerung daran, daß Rußland offenbar eine tiefere und natürlichere Art von Respekt gegenüber seinen Dichtern zeigte, auch im modernen Zeitalter, als Deutschland es je tat oder tun würde.
Wieder zurück zur Gegenwart: Den letzten Ausschlag, wieder einen ernsthaften Versuch zu machen, Russisch zu lernen – mit der Gewißheit natürlich, nie auch nur annähernd mein deutsches Sprachlevel zu erreichen –, gab tatsächlich und modernerweise ein auf X gespostetes Video. Es zeigt Putin, der ein blindes Mädchen im Teenageralter besucht, das den Wunsch hatte, ihn unbedingt einmal zu treffen. Er ist zugewandt, respektvoll, keineswegs jovial von oben herab, sie unterhalten sich auch kurz, die junge Frau strahlt von ganzem Herzen.
Und dann gibt es eine Szene beim Abschied, wo sie ihm übers Gesicht streicht, um seine Konturen zu erfassen. Putin läßt es lächelnd geschehen, beugt sogar seinen Kopf etwas. Abgesehen natürlich vom politischen Showelement, das unvermeidbar immer mitschwingt, wenn einflußreiche Personen in der Öffentlichkeit auftreten, verkörperte sich in dieser Geste von Putin authentisches Mitgefühl, das unmöglich zu faken ist, da es eine spontane Reaktion auf den Augenblick darstellt.
Weil ich als Dichter ähnlich wie Kinder und Tiere nicht intellektuell und politisch meinungsmäßig auf Menschen reagiere, sondern ganzheitlich, inklusive des Unbewußten und Intuitiven, fühlte ich mich Putin sofort menschlich verbunden. Was natürlich keineswegs politisch die gleiche Wellenlänge bedeuten muß, aber es scheint mir als Kontrast schon bemerkenswert, daß keiner der gegenwärtig in Deutschland die Regierung bildenden Figuren auch nur einen Funken vergleichbarer Empathie zum eigenen Volk versprüht wie der russische Präsident.
Wenn also nicht nur ein russischer Autor mich als Kind berührt hat, und durch Blutsbande mein Vater als Übersetzer eine sozusagen genetische Nähe zum Russischen herstellte, und mir überhaupt immer der Umgang der russischen Gesellschaft mit ihren Dichtern von echtem Respekt und Sympathie getragen schien (Archipel Gulag und ähnliche Grausamkeiten jetzt ausgeblendet), sondern wenn sogar der Präsident Rußlands spontane Sympathie bei mir auslöst – dann bin ich tatsächlich auf völlig neue Weise motiviert, Russisch wieder zu lernen.
Und so meine deutschen Texte mit dem Bewußtsein zu schreiben, daß es Gott sei Dank noch ein Land gibt, wenn auch ein fremdsprachiges, das authentischer Literatur nicht völlig entfremdet ist.