Daß man für allgemeine körperliche Fitneß oder für spezielle sportliche Leistungen auf irgendeine Weise trainieren muß, sei es als Amateur oder auf olympischen Level, ist auch untrainierten Menschen in der Regel bewußt. Meistens sogar so sehr, daß dies eben der Grund ist, warum viele Leute körperliche Betätigung jenseits des normalen Alltags gleich ganz lassen: zu viel Anstrengung. Unterstützt heutzutage auch durch das Internet, das als immer verfügbare Alternative genug unterhaltsamen und körperlich wenig herausfordernden Zeitvertreib bietet.
Was den meisten Leuten allerdings nicht wirklich klar ist, ist die Tatsache, daß auch der Zustand des Bewußtseins wie der des Körpers abhängig von regelmäßigem Training ist. Wie ein Muskel kann das Bewußtsein durch Überlastung verkrampfen, durch wenig Benutzung chronisch schwach sein und sich daher bei der geringsten Herausforderung schnell einen geistigen Riß oder sogar einen völligen Zusammenbruch zuziehen, ähnlich einer Sehnenzerrung oder einem Knochenbruch.
Fanatiker wären so gesehen Leute, die an einer chronischen Belastung durch eine spezifische Idee leiden und deswegen spirituell gleichsam humpeln. Und Übergewichtige im Reich des Geistes vermutlich dann jene, deren Bewußtsein von zu viel narzißtischem Zucker über ihre eigne Großartigkeit die natürliche Form und Grenze verloren hat. Ich will die Vergleiche nicht überstrapazieren, aber es besteht ohne Zweifel eine Korrelation zwischen körperlichen und geistigen Zuständen. Die nach wie vor unverwüstliche Faszination von Yoga beruht ja gerade darauf, daß das Ausüben einer Yogapose auch Bewußtsein spiegelt und sogar positiv mobilisiert und nicht nur eine gymnastische Übung bedeutet. Die Grenzen zwischen Geist und Körper sind jedenfalls auch wissenschaftlich inzwischen derart fließend, daß man im Prinzip durchaus von der „Fitneß“ des Bewußtseins sprechen kann. Was darauf hinweist, daß Kraft, Ausdauer, Mobilität des Geistes nicht gleichsam gottgegeben und statisch sind, sondern das ganze Leben über trainierbar. Was ist aber darunter konkret zu verstehen?
Allein mit der Fragestellung begibt man sich in einen Dschungel aus Vorurteilen und emotionalen Minenfeldern. Wenn es um die Qualität ihres Bewußtseins geht, verstehen viele Menschen erstaunlich wenig Spaß. – Es dürfte gar nicht so wenige Leute geben, bei denen nach den Schuljahren oder nach Absolvierung eines Studiums, nach Elternschaft oder erster beruflicher oder sonstiger Erfolge die bewußte Entwicklung des Bewußtseins zu einem kompletten Stillstand kommt. Nicht mit Absicht natürlich, aber man verhält sich meistens eher früher als später so, als sei der eigene Geisteszustand keiner Rede wert, sondern unausgesprochen mehr oder weniger hervorragend. Ein echter Diamant sozusagen im Kopf, statt vielleicht nur ein Glasperlenspiel.
Zudem haben viele Leute auch deswegen überhaupt kein Problem mit ihrem Bewußtsein, weil es, anders als ihr Körper, naturgemäß im wahrsten Sinne des Wortes unantastbar, das heißt unsichtbar ist. Aus den Augen aus dem Sinn. Das ist so ähnlich wie ein modriger, vollgestellter Keller: Er ist zwar da, aber solange es keinen offensichtlichen Grund gibt hinabzusteigen und irgendetwas zu suchen oder dort zu verstauen, beschäftigt man sich nicht großartig mit seiner Existenz.
Oder man kann, statt es links liegen zu lassen, aufgrund der potentiellen Unberührbarkeit auch alles Mögliche an Inhalten ins eigne Bewußtsein projizieren. Wie toll man ist oder auch wie opportunistisch bunt und divers, wie sehr man sich entwickelt hat, wie fortschrittlich die eigene politische Haltung ist, wie pervers gottgefällig auch Morden und Vergewaltigen sein kann und so weiter und so fort. Das Bewußtsein assimiliert zunächst problemlos alle möglichen Projektionen. Ähnlich wie der Ozean, wo man zunächst auch alles hineinkippen kann, ohne daß die Welt oder man selbst sofort die tiefgreifende Verschmutzung realisiert.
Diese vermutlich instinktive Vermeidung von echter Selbstreflexion – Zweifel am eigenen Verhalten machen einen für Momente gegenüber aggressiven Artgenossen mehr verletzbar – dürfte der Grund sein, warum die Mehrheit der Menschen nur selten auf die Idee kommt, sich ernsthaft mit ihrem Bewußtsein oder mit ihrer Psyche zu beschäftigen. (Die Psyche schließt das Unbewußte mit ein, ist also theoretisch betrachtet umfassender, aber praktisch läuft es oft auf das gleiche hinaus: die innere Welt im Unterschied zur äußeren.)
Doch auch wenn es selten passiert, früher oder später erwischt jeden die Erkenntnis und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, daß man selbst tief drinnen und nicht die Welt draußen das Problem und vielleicht sogar die Lösung ist. Aber genau an dieser Stelle, wo also das Bewußtsein anfängt, sich selbst zu reflektieren, verglüht diese kleine Flamme der Selbsterkenntnis meistens recht schnell wieder. Als wäre sie nie angezündet worden. Sowohl der Alltag mit seinen ununterbrochen anbrandenden Anforderungen als auch die natürliche Zerstreutheit des menschlichen Geistes, der lieber von Ablenkung zu Ablenkung springt, statt sich zu fokussieren, machen es extrem unwahrscheinlich, daß man den Blick konsequent und vor allem freiwillig nach innen, auf die Konditionierungen der eigenen Seele richtet.
Die allseits beliebten Psychotherapien, egal welche Schulen und Variationen, die oft kurzfristig hervorragende Resultate an Selbsterkenntnis und geradezu Weisheit erzielen können, legen zwar den Finger auf dieses Problem der Psyche, der eigenen und eingefleischten Weltsicht. Sie haben aber den großen Nachteil, daß ihre positiven Wirkungen nach Beendigung der Therapie schnell verblassen und oft der alte verhaltensmäßige Trott wieder Oberhand gewinnt.
Oder schlimmer noch, es gibt auch Therapien, die die authentische Persönlichkeit des Patienten am Ideal der Therapeuten messen. Was einer Art spirituellem Mißbrauch gleichkommen kann, wo sich die Neurose des Therapeuten auf den Patienten überträgt, so daß Leute als Schatten ihrer selbst die Behandlung verlassen und statt geheilt, nur gebrochen in ihrem Wesen sind. Sie können dann zwar alles in ihrer Psyche erklären, ob sie es auf die Kindheit zurückführen oder auf transpersonale Traumata, auf die böse Mutter oder den gleichgültigen Vater, oder umgekehrt, aber das Feuer der Leidenschaft ist ausgetreten, ein domestizierter Grauschleier liegt über den Gesichtern. So daß man sich bei ihnen die alten Neurosen geradezu zurückwünscht, weil darin noch echtes Leben war.
Sei es, wie es sei, das grundsätzliche Problem beim Training des Bewußtseins ist ähnlich wie bei dem des Körpers dieses: Es muß kontinuierlich stattfinden, wenn man wirklich Ergebnisse sehen will. Also mindestens 2 x die Woche, besser 3 x und idealerweise 4 x, – um die nüchterne Sprache des Sports zu benutzen. Doch zurück zur Frage, was man eigentlich genau trainieren soll?!
Trainieren des Bewußtseins bedeutet, als kleinster gemeinsamer Nenner, daß man die eigene Wahrnehmung so kultiviert, daß deutlich mehr von der Welt, wie sie wirklich ist, ins Bewußtsein dringen kann. Daß also nicht die subjektiven Impulse der Ängste und Obsessionen, die oft wahnhaft zementierten Vorstellungen und Vorurteile, daß weder die üblichen Neurosen noch Traumata die Perspektive zu sehr bestimmen und verzerren.
Jeder Mensch hat in sich eine Erkenntnisquelle, die frei von diesen subjektiven Verunreinigungen ist, die allerdings meistens nur in besonderen, meist schicksalhaften Momenten sprudelt: oft angesichts des Todes eines geliebten Menschen oder auch bei der Geburt eines Kindes oder erhabenen Naturerscheinungen oder überhaupt Phänomenen, die das eigene Ego transzendieren. Diese recht geheimnisvolle Wahrnehmung jenseits subjektiver Befindlichkeiten jedenfalls existiert. Sie hat traditionell viele Namen, die alle zwar eine begriffliche Unschärfe haben, aber dennoch und vielleicht gerade deswegen eine zumindest innere Wirklichkeit abbilden: Gotteserfahrung, „pure conscious event“ (PCE), das Numinose, Erleuchtung und viele andere.
Psychisch ist die Existenz einer „puren“ Wahrnehmung ohne Zweifel Realität: Jeder Mensch, der imstande ist, einem andern einfach nur zuzuhören, ohne sich egomanisch oder von versteckten Interessen getrieben einzumischen, spiegelt im Alltag diese Fähigkeit, trinkt gleichsam aus einer subjektiv weniger als üblich getrübten Quelle.
Nüchterner ausgedrückt bedeutet Training des Bewußtseins in diesem Sinne, daß man die alltägliche und emotionale Automatik des eigenen Verhaltens, das von spontanen Interessen und Abneigungen geprägt ist, nicht nur erkennt, sondern grundsätzlich stoppt. Und hier könnte man jetzt, nach dieser sehr langen Vorrede, direkt beim Yoga Sutra von Patanjali landen, einem knapp zweitausend Jahre altem Text, der sich praktisch mit nichts anderem beschäftigt. Nämlich eine alle Bereiche des Lebens berührende Methode offeriert, wie man die üblichen Turbulenzen des Bewußtseins beruhigt, um klar zu sehen, was im gegenwärtigen Augenblick wirklich gerade stattfindet.
Ähnlich wie Zen-Buddhismus gipfelt diese klassische Yoga Methode darin, „nichts“ zu tun, sondern den Film des eignen Bewußtseins ablaufen zu lassen und diesen nur zu beobachten, statt sofort auf die hochdrängenden Emotionen oder Gedanken zu reagieren. Eine Fokussierung auf den Augenblick, die parallel als Bonus zur Entwicklung von ungeahnten Fähigkeiten führt, weil man dadurch imstande ist, alle möglichen Inhalte subjektiv relativ unverzerrt zu assimilieren. Man ist paradoxerweise plötzlich für alles mögliche begabter, wenn man es schafft, sich auf einen singulären Moment besser zu konzentrieren. Oder in Bruce Lees Worten: „Be water, my friend!“
Eine solche meditative Versenkung, die wesentlich aus „Cool bleiben“ besteht, hat und das ist jetzt die gute Nachricht, sehr viele Gesichter. Auch wenn Meditieren, also pures Sitzen und sonst nichts, die traditionelle Königsdisziplin des Bewußtseinstrainings darstellt, weil durch das Fehlen jeder Ablenkung der Fokus auf der gegenwärtigen inneren Wahrnehmung liegt, so ist dennoch im Prinzip jede Aktivität, die meditativ ausgeübt wird, für die Entwicklung des Bewußtseins geeignet.
Zum Beispiel kann man meditativ Autofahren. Das heißt, man will zwar irgendwohin, aber man fährt so, daß der Augenblick des Fahrens nicht nur Mittel zum Zweck ist, sondern tatsächlich schon das Ziel selbst. Das heißt, man ist völlig im Augenblick präsent, es gibt nichts Wichtigeres als eben dieses Autofahren; denn das ist es ja, was man gerade tut.
Um zu esoterische Assoziationen zu vermeiden, die sich bei diesem Thema leicht einstellen, aber völlig in die Irre führen, ein noch konkreteres Beispiel: Angenommen, jemand fährt auf der Autobahn extrem dicht hinter einem, bei Tempo 130 ohne jeden Sicherheitsabstand, so daß man das Nummernschild im Rückspiegel nicht mehr sieht, ein Laster vielleicht auch noch, dann hat man in diesem Augenblick eine große Chance: Statt panisch wirklich ruhig zu werden.
Trotz der möglicherweise gefühlten Todesangst würde innere Ruhe in diesem Moment bedeuten, daß man erstens die Situation in ihrer Gefährlichkeit realisiert, aber zweitens sich dieser Angst nicht ausliefert, sondern entweder beschleunigt und die Gefahrenzone verläßt oder sogar drittens – das ist für Fortgeschrittene – überlegt, ob man nicht einen Unfall in Kauf nehmen soll, weil man sich dann endlich ein neues Auto kaufen könnte. Oder viertens davon ausgeht, daß der Lastwagen-Fahrer am Steuer möglicherweise eingeschlafen ist und in mindestens so großer Gefahr schwebt wie man selbst.
All diesen psychischen Reaktionen wäre gemeinsam, daß sie der äußeren Situation nicht emotional ausgeliefert sind, sondern einen gewissen mentalen Puffer erzeugen, eine „meditative“ Distanz, die es erst ermöglicht, die Lage unvoreingenommen so zu sehen, wie sie ist.
Das ist natürlich nicht einfach, wenn einem wie in diesem Beispiel ein tonnenschwererer LKW auf der Autobahn derart lebensgefährlich auf die Pelle rückt. Aber das ist der Punkt: Genau um diese Distanzierung von den üblichen Konditionierungen (Panikreaktionen in diesem spezifischen Fall) geht es bei jeder Art von Meditation. Das heißt, je öfter man es schafft, die eigenen automatischen, sogenannt „spontanen“ Konditionierungen gewissermaßen ins Leere laufen zu lassen, desto mehr öffnet sich die Wahrnehmung und damit das Bewußtsein für die wirkliche Welt.
Natürlich ist es für Anfänger empfehlenswert, nicht gleich auf der Autobahn mit diesem Bewußtseinstraining anzufangen. Man läuft ja auch keinen Marathon, wenn man nach einem Kilometer aus der Puste ist. Sondern sich solchen sehr fortgeschrittenen Übungen vielleicht mit einfachen Meditationssitzungen im geschützten Raum des eigenen Zuhauses zu nähern. Dann allerdings gibt es keine Grenze nach oben.
Der entscheidende Punkt ist aber nicht die äußere Form des Bewußtseinstrainings. Im Prinzip ist es gleichgültig, ob man Blumen gießt, Auto fährt, Salat anrührt, Selfies oder Liebe macht oder sogar ganz klassisch meditiert, alleine oder mit Leuten: Solange man die eigenen Gefühle und Gedanken und Empfindungen als Impulse für Aktionen zwar wahrnimmt, aber sich ihnen nicht automatisch unterwirft, sondern zumindest temporär einen Standpunkt jenseits des Egos einzunehmen imstande ist, sich also der jeweiligen Aktivität im Augenblick hingibt, ohne eine „Belohnung“ in der Zukunft dafür zu erwarten, blüht das Bewußtsein zu voller Intelligenz auf und ist allen möglichen Herausforderungen im Prinzip gewachsen.
Ohne Praxis allerdings ist dieser Zustand unmöglich zu erreichen oder aufrechtzuerhalten. Die vielen Buddhastatuen, die diese historische Figur fast immer in meditativer Pose zeigen, sind so gesehen eigentlich freundliche und wortlose Erinnerungen daran, daß wie der Körper auch das Bewußtsein der Menschen Training braucht. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, wo die ununterbrochene Manipulation mit Ängsten gesellschaftlich große Mode ist, ähnlich wie im Mittelalter die Drohung mit ewiger Verdammnis, bietet ein vitales Bewußtsein echten Schutz vor ideologischer Übergriffigkeit; und ist die wahre, wirklich „woke“ Avantgarde des Geistes.