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Foto: Beat Presser

Silvo Lahtela

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Gabriella Bee
Screenshot: www.youtube.com/@GabrielaBee
Der Bildschirm als Bühne - unverwüstliche Musikalität auch in Zeiten von Smartphone und Künstlicher Intelligenz.
Monatliches Blog-Update
Dieser Text ist meine Reaktion auf ein Musikvideo. Zum besseren Verständnis empfehle ich vor, während oder spätestens nach der Lektüre unbedingt das Anschauen. Link oben im Titel.

 

 

Musik heute

 

     Dem äußeren und lauten Anschein zum Trotz leben wir in ziemlich unmusikalischen Zeiten. Das Internet quillt zwar an allen Ecken und Enden über von tönenden Clips: Begnadete Sängerinnen, das Publikum schwindlig spielende Instrumentalisten, Powerbands, hochbegabte Kids – mit ein paar Fingerbewegungen kann man online immer und sofort die Crème de la Crème seines persönlichen Musikgeschmacks konsumieren. Was einerseits sehr komfortabel ist, dieser sofortige mediale Zugang, andererseits aber auch die Gefahr birgt, daß man vergißt, daß authentische Musik zunächst immer „live“ stattfindet, die reale Aura des Ortes und der Zeit mitschwingen läßt, was eine digitale Kopie, sei es Download oder Streaming, nur unvollkommen wiedergeben kann. Wer sich noch erinnert: Der Dirigent Sergiu Celibidache machte sich einst in diesem Sinn über Schallplatten als „tönende Pfannkuchen“ lustig. Aber er meinte es ernst: Für ihn fand Musik nur im Augenblick des Entstehens statt und war – wie jede echte Erfahrung, könnte man zenmäßig hinzufügen – im Prinzip nicht konservierbar.

 

Passiver Konsum vs. echte Inspiration

 

     Schaut man mit dieser Perspektive auf das gigantische digitale Musikangebot der Gegenwart, bekommt man eine Ahnung davon, daß dieses authentische und eben sehr flüchtige Element des Musizierens mit Vollkontakt im Hier und Jetzt in der breiten Masse eher zu kurz kommt. Stattdessen konsumiert der typische Zeitgenosse beispielsweise auf youtube meistens passiv die Stars, die Virtuosität, die Bühnenshow oder die „Botschaft“ der Songs. Dagegen ist natürlich zunächst nichts zu sagen, aber es erinnert von der Haltung an die dauernde Inanspruchnahme von Lieferservices für Pizza und Sushi und Co, statt auch einmal selbst zu kochen.

       Sehr viel seltener springt bei Konsumenten digitaler Musik jener Funken über, wo man entweder völlig in der Musik versinkt oder sogar dazu inspiriert wird, selbst mitzusingen oder sich vielleicht irgendein Instrument zu greifen und selbst zu spielen. Das wäre, wenn wir in wirklich musikalischen Zeiten leben würden, aber eigentlich das normale Verhalten. Menschen kopieren instinktiv, was sie lieben. So wie Jungs auf der Straße Fußball spielen, wenn sie im Fernsehen die Weltmeisterschaft gesehen haben. Sie spielen voller Leidenschaft, obwohl sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie Profis werden.

 

„Stars“ vs. Stars

 

     Was ein wichtiger Punkt ist: Wenn man etwas gerne tut oder wenn es notwendig ist – wie kochen –, dann muss man kein Weltstar sein oder werden. Man muß nicht einmal besonders begabt sein. Umgekehrt gilt dies allerdings auch: Wenn man etwas nicht wirklich liebt, ist man eher besessen davon, ein „Star“ sein zu müssen, also getrieben vom Ergebnis der Aktivität, nicht von ihrer Ausübung als solcher. Was ein typisches Pattern im gegenwärtigen Mainstream der Kultur zu sein scheint: Auf Effekt getrimmt, statusgeil, ohne innere Leidenschaft.
     Während wiederum Leute, die wirklich „gut“ oder sogar hochbegabt bis genial in ihrem Metier sind, sich zwar natürlich auch über ihre Wirkung im Klaren sind, aber dies nicht als Hauptsache betrachten. Typisch für diesen mehr die Musik und nicht den Status liebenden Mindset ist eine Szene mit Whitney Houston: Als ein Mädchen auf einem Gesangswettbewerb einen Song von ihr performt, taucht sie überraschend selbst auf der Bühne auf und singt dann gemeinsam mit der im Vergleich zu ihr natürlich völligen Amateurin im Duett. Wobei Whitney sich auch zurücknimmt und der Stimme des Mädchens ganz eigenen Raum gibt. Und dabei beruhigend ihre Hand um die Hüfte des Mädchens gelegt hat. Eine Szene, die den mitfühlenden Swing von echten Musikern wortlos und eindrucksvoll aufleuchten läßt.

 

Der Sog von Musik

 

     Mit dieser panaoramamäßigen Einleitung will ich daran erinnern, daß Musik vom Wesen her eigentlich nicht im passiven Konsum aufblüht, auch nicht durch Starrummel definiert ist, wo der Graben zwischen Bühne und Publikum mehr oder weniger unüberbrückbar breit ist, sondern daß Musik einen verschmelzenden Sog ausübt, der die unterschiedlichsten Menschen sofort emotional miteinander verbinden kann. Spontanes Tanzen zu Musik ist ein Beispiel für diese Verschmelzung. Mitsingen ein anderes. Eine gewisse Unbekümmertheit im Ausdruck, wie sie beispielsweise Mozart zugeschrieben wird, ein Sinn für spontane Improvisation jenseits der Konventionen, dürfte ebenfalls in den Mix von allgemeiner Musikalität gehören.

 

Unbekümmerte Musikalität

 

      Speziell diese Unbekümmertheit ist in den heutigen Zeiten erstaunlich schwer zu finden, weil so viele – nicht nur in der Musik – krampfhaft bemüht sind, medial und ideologisch eingetrichterte Vorstellungen zu erfüllen, statt einfach mutig ihrem eigenen Stern zu folgen. Um so mehr fällt es dann auf, wenn tatsächlich jemand aus diesem Hamsterrad der Vorgaben ausbricht und unverkrampfte Musikalität präsentiert: Gabriela Bees Coverversion des Beatles Songs Ob-La-Di, Ob-La-Da ist so ein seltenes Phänomen.

     Als ich das erste Mal auf „X“ auf das Video dieser Coverversion stieß – ich folge einigen Leuten, die Musik aller Art promoten –, war ich sofort fasziniert. Es war aber nicht die selbstbewußt schöne Stimme des jungen Mädchens, auch nicht das lustige Setting, wo fünf ähnlich aussehende Girls auf einem großen Ecksofa in einer Wohnung mit unterschiedlichen Instrumenten das Stück performten. Ich brauchte sogar eine Weile, um zu realisieren, daß es immer dieselbe Person war, Gabriela Bee als dreizehnjährige, aber videotechnisch clever so zusammengemixt, daß man den Eindruck hatte, einer Band von Fünflingen zuzuhören. Was mich aber sofort faszinierte, ähnlich als würde ich Katzen beim Spielen zuschauen (was ich stundenlang machen könnte), war eine Art von unbefangener Natürlichkeit, die nicht auf Likes aus war, sondern einfach den Song der Beatles mit Freude und Leidenschaft präsentierte.

 

„Ob-La-Di, Ob-La-Da“, der Song

 

     Auch der Song selbst ist untypisch für unser narzißtisches Zeitalter: Statt im eigenen subjektiven Saft zu schmoren, wie so viele Sänger es heutzutage gerne tun, erzählt „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ in simpelsten Worten die Liebesgeschichte von einem Desmond und einer Molly. Schnell und mitreißend, – „weißer Reggae“ nannte Paul McCartney den Stil des Stücks. Was schon sehr angenehm und selten ist, daß eine Jugendliche eben nicht wie die allermeisten nur über ihr eigenes Leben singt, sondern ein Lied covert, das eine kleine Story erzählt. Was eine Distanz zu sich selbst voraussetzt, die heutzutage keineswegs selbstverständlich und sehr begrüßenswert ist. Und natürlich hat der Ohrwurm des Refrains Charme. „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ ist laut Wiki ein Spruch aus Nigeria in der Sprache der Yoruba und bedeutet soviel wie: „Es kommt wie es kommt“. Ein sehr tiefenentspannter, aber trotzdem in die Beine und ins Herz gehender Song.

 

Mit Stimme, „Tictac“ und Gitarre

 

     Ein Song allerdings, der leicht ein bißchen banal wirken könnte, wenn er nicht mit echter Power, aber eben auch mit unbekümmerter Grazie dargeboten werden würde. Ähnlich übrigens wie bei Mozarts Musik, die auch nur dann völlig erblüht und nicht zu oft gehörtem Kitsch zerfällt, wenn Dirigenten und Orchester sich ihr mit Haut und Haar, aber ohne Krampf hingeben. Genau diese Mischung aus Flow und Fokus jedenfalls war es, die mich beim ersten Anhören und Ansehen des Musikvideos sofort berührte.

      Daß zum Beispiel einer der fünf virtuellen Gabriela Bee-Versionen als Rassel eine „Tictac“-Dose (die mit den Lutschdragees) benutzt oder eine andere mit einem „Edding“-Stift den Rhythmus auf einer Trommel klopft oder damit Zimbeln anschlägt, gibt dem Video sofort einen improvisierten Charme. Was auch immer zur Hand ist, wird benutzt. Auch Gitarren und Keyboard natürlich, um von der schönen Stimme zu schweigen. Alltagsgegenstände und Musikinstrumente gehen eine sehr symbiotische Beziehung ein, die nüchterne Realität bekommt einen  musikalischen Glanz.

     Angereichert und aufgelockert wird die Performance auch noch dadurch, daß jede der Gabriela-Fünflinge einen eigenen Charakter repräsentiert: verspielt, ernsthaft, unruhig, extrovertiert, völlig versunken, – die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit mischen sich harmonisch und nicht schizophren getrennt in dieser virtuellen Girlie-Band.  Erstaunlicherweise verwandelt sich eine  Wohnzimmercouch zur Weltbühne, ein dreizehnjähriges Mädchen mutiert zur gestandenen Musikerin, ein simpler Song transzendiert sich selbst und man wird mitgerissen, der verhangene narzißtische Himmel der Gegenwart reißt kurz auf, die Sonne der Lebensfreude bricht im Gesang von Gabriela Bee durch.

 

Musikalität in Zeiten von Smartphone und KI

 

     All das findet statt, obwohl es ein extrem bearbeiteter Videoclip ist. Obwohl auf dem ersten Blick also als virtuelles und digitales Produkt so weit weg von „live“ im klassischen Sinne wie nur denkbar, ist das kurze Video paradoxerweise dennoch eine moderne Form von „live“ und vor allem von Musik. Weil nämlich die Stimme und das unverkrampfte Musizieren mit Gitarre und Süßigkeiten-Dose die Gestalt des Songs „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ von den Beatles auf ganz eigene Weise zum Leben erweckt. Und genau das ist ja der Sinn jeder Interpretation eines Songs: daß sie berührt. Dann ist es auch völlig egal, durch welches Medium es passiert. Aber es passiert eben nur, wiederum völlig unabhängig vom Medium, wenn die innerliche Voraussetzung stimmt: Ohne eine musikalische Seele ist jede Musik tot, mit ihr blüht sie auf. Gabriela Bee hat sie aufblühen lassen.

 

„If you want some fun“

 

     Und weil dies in unseren medial neurotisch überdrehten Zeiten so selten ist, zumindest meiner Meinung nach, fiel es mir als besonders auf. Ich konnte sogar nicht anders und nahm meine Gitarre zur Hand, um das Lied spielen zu lernen. Ein musikalisch sehr ansteckendes Video also. Das kann man nicht von vielen sagen.
      In diesem Sinn endet übrigens der Song mit einer sehr simplen, aber sehr weisen Empfehlung: „And if you want some fun, sing Ob-La-Di-Bla-Da“.

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